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«Gleiche Rendite mit weniger Risiko»: Finanzwissenschafter über Aktien nachhaltiger Firmen

Aktien von nachhaltig geführten Firmen schneiden oft nicht besser ab, bergen jedoch deutlich geringere Risiken, sagt Finanzwissenschaftler Philipp Krüger.

Daniel Zulauf
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Philipp Krüger.zvg

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Herr Krüger, Sie haben US-Aktiendepots von zahlreichen Grossanlegern analysiert. Damit wollten Sie herausfinden, wie sich die Aktienkurse entwickeln, wenn bei der Titelauswahl diverse Kriterien der Nachhaltigkeit berücksichtigt werden. Was sind Ihre Erkenntnisse?

Philipp Krüger: Wir haben zunächst die reine Rendite angeschaut. Dabei haben wir festgestellt, dass Investoren mit einer stärkeren Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien in der Titelauswahl keine signifikant besseren oder schlechteren Ergebnisse erzielen als jene, die solche Kriterien vernachlässigen. Dann haben wir die Rendite aber auch risikobereinigt angeschaut. Hier zeigt sich, dass nachhaltige Anleger ihre Rendite mit einem deutlich geringeren Risiko erreichen als nicht nachhaltige Investoren. Der Einbezug von Nachhaltigkeitskriterien wirkt sich vor allem mindernd auf das Risiko des gesamten Portfolios aus.

Wie erklären Sie sich das?

Es zeigt, dass Firmen mit nachhaltigen Prozessen und Aktivitäten geringeren Kursschwankungen ausgesetzt sind. Wenn wir von Nachhaltigkeit reden, meinen wir die sogenannten ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung, Anmerkung der Redaktion).

Wie zuverlässig sind ESG-Ratings?

Es gibt quantitative, qualitative und normative Kriterien. Es ist naturgemäss schwierig, eine Liste mit den wichtigsten Kriterien zu erstellen. Im Lauf der letzten 20 Jahre hat sich jedoch ein Konsens über die wichtigsten ESGKriterien herausgebildet. Im Bereich der Unternehmensführung (Corporate Governance) spielen etwa Themen wie der Umgang mit Korruption, Lobbying, Vergütung oder die Zusammensetzung des Verwaltungsrats eine Rolle.

Und im sozialen Bereich?

Hier geht es um die Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten, aber auch um Geschlechterdiversität und Kundenzufriedenheit. Bei den Umweltkriterien stehen der Klimawandel und die CO2-Emissionen, Biodiversität oder der Schutz von Waldbeständen weit vorne in der Prioritätenliste. Sie erkennen selber, dass die Bewertung hier Spielräume offenlässt.

Es gibt Bestrebungen, die ESGBewertung zu standardisieren. Braucht es aber angesichts des Spielraums in der Bewertung nicht genau das Gegenteil: Also möglichst viel Wettbewerb unter den einzelnen Anbietern dieser Analysen?

Das ist eine offene Diskussion. Es gibt Kreise, die für eine möglichst breite Auswahlmöglichkeit plädieren. Es gibt aber auch das Argument, dass die Homogenisierung nötig ist. Dafür spricht natürlich, dass Anlageportefeuilles und ihre ESG-Kursentwicklung besser vergleichbar werden – ein wenig nach dem Prinzip der Ratingagenturen wie Moody’s oder Standard & Poor’s. Die beiden Firmen unterscheiden sich kaum in der Art, wie sie die Schuldnerqualität eines Unternehmens beurteilen. Bei den ESG-Kriterien gehen die Ansätze und damit auch die Noten viel weiter auseinander – wobei sie sich immerhin fast immer in die gleiche Richtung bewegen.

Sie haben in Ihrer Studie nachgewiesen, dass ein Ansatz unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien überlegene Resultate produziert. Wäre der Finanzmarkt effizient, müssten das doch schon längst alle begriffen haben.

Ich glaube, dass die Leute etwas träge sind. Man weiss aus der Forschung, dass die Menschen Mühe haben, alte Ideen loszulassen. Vermutlich hat aber auch die stärkere Medialisierung vor allem von Umweltschäden in den vergangenen 20 Jahren einen zunehmend starken Effekt auf die Entwicklung von Aktien mit einem entsprechenden Risikopotenzial erhalten. Nehmen Sie etwa den Tanker-Unfall Exxon Valdez vor 28 Jahren. Danach folgten weitere Unfälle bis zur BP-Katastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010. Diese Ereignisse haben das Bewusstsein der Anleger geschärft und sind auch nicht ohne Folgen für die Performance der Firmen des Erdölsektors geblieben.

Hat die Beachtung von solchen Kriterien einen Einfluss auf Übernahmen und Fusionen?

Ich kann mich an eine Studie erinnern, die nachweist, dass der Mehrwert von Transaktionen, in denen zwei Parteien mit guten Nachhaltigkeitsnoten zusammenkommen, deutlich grösser ist, als wenn sich zwei Firmen vereinen, die in puncto Nachhaltigkeit schlechter sind. Wenn sich zwei ungleiche Partner finden, dominiert nach dieser Studie das Profil des nachhaltigeren.

Was machen Firmen, die in einem Geschäft tätig sind, wo sie gar nie auf gute Nachhaltigkeitsnoten kommen können. Etwa Zigarettenhersteller, Waffen- oder oder Kohleproduzenten?

Auch diese Firmen haben natürlich Möglichkeiten, ihre Prozesse zu verbessern. Aber letztlich stecken sie mit ihrem Geschäftsmodell in einem Dilemma.

Riskiert das ganze ESG-System nicht zum Feigenblatt zu verkommen, wenn sich auch Zigarettenhersteller in Sachen Nachhaltigkeit einen festen Platz ergattern können?

Zigaretten sind natürlich a priori ein gutes finanzielles Geschäft. Aber es gibt in diesen Sektoren eben auch bedeutende Rechtsrisiken. Manche Investoren schliessen Zigaretten- oder Waffenhersteller deshalb ganz aus ihrem Anlageuniversum aus.

Philipp Krüger ist Assistenzprofessor im Bereich «Responsible Finance» an der Universität Genf.

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