Stahlkonzern

Grossaktionäre einigen sich: Schmolz+Bickenbach in letzter Minute gerettet – fürs Aufatmen noch zu früh

Jens Alder, Verwaltungsratspräsident von Schmolz+Bickenbach, an der ausserordentlichen Generalversammlung in Emmenbrücke.

Jens Alder, Verwaltungsratspräsident von Schmolz+Bickenbach, an der ausserordentlichen Generalversammlung in Emmenbrücke.

Die ausserordentliche Generalversammlung des Luzerner Stahlkonzerns beschliesst die Kapitalerhöhung, die in zwei Punkten korrigiert wurde. Noch fehlt aber das Plazet der Finanzmarktaufsicht Finma. Danach folgt voraussichtlich eine «sehr harte Restrukturierung».

Buchstäblich bis zur letzten Sekunde und darüber hinaus verhandelten am Montag die beiden Grossaktionäre von Schmolz+Bickenbach (S+B) um die Rettung des angeschlagenen Luzerner Stahlherstellers. Zum vorgesehenen Beginn der ausserordentlichen Generalversammlung am Sitz der Tochterfirma Swiss Steel in Emmenbrücke um 14 Uhr begrüsste Verwaltungsratspräsident Jens Alder die knapp 270 anwesenden Aktionäre mit den Worten, man möge doch bitte eine halbe Stunde länger warten, denn: «Die zwei grossen Aktionäre sind noch in Verhandlung und ich höre positive Signale.»

Die beiden Grossaktionäre, das sind auf einer Seite die Big Point Holding von Amag-Besitzer Martin Haefner. Sie hält aktuell 17,5 Prozent der Firmenanteile und will mit einer Kapitalerhöhung im Umfang von mindestens 325 Millionen Franken einen dominierenden Anteil von 37,5 Prozent übernehmen. Nicht damit einverstanden ist die Liwet Holding, deren Hauptaktionär der russische Investor Viktor Vekselberg ist. Liwet ist mit einem Anteil an S+B von knapp 27 Prozent aktuell grösste Aktionärin – sie befürchtete gemäss den ursprünglichen Plänen eine Verwässerung.

Um 14.30 Uhr bat Alder dann um eine weitere halbe Stunde Zeit – um 15 Uhr ging es los. Es dauerte aber noch ein weitere Stunde, bis Martin Haefner während seiner Wortmeldung fast nebenbei erwähnte: «Ich glaube, jetzt können wir es sagen: Wir haben unterschrieben.»

Grossaktionär Martin Haefner während der ausserordentlichen Generalversammlung von Schmolz und Bickenbach.

Grossaktionär Martin Haefner während der ausserordentlichen Generalversammlung von Schmolz und Bickenbach.

Was genau damit gemeint ist, erklärte danach der Liwet-Vertreter Dieter Dubs von der Anwaltskanzlei Bär & Karrer: «Die bestehende Kapitalerhöhung hätte dem Verwaltungsrat ein extrem grosses Ermessen bei der Festlegung des Betrags gegeben, was zu einer grossen Verwässerung der Minderheitsaktionäre geführt hätte. Ausserdem wäre Liwet vom internationalen Angebot ausgeschlossen gewesen.» Diese zwei Punkte habe man nun in Verhandlung mit Big Point weitgehend korrigiert.

Dubs: «Der Verwaltungsrat wird bei der Festlegung des Maximalbetrags leicht eingegrenzt in dem Sinne, dass Liwet einen Anteil von mindestens 25 Prozent wird behalten können. Ausserdem werden wir beim internationalen Angebot mitbieten, was für uns sehr wichtig ist.» Gemäss den Plänen darf Liwet aber auch nicht mehr als die 25 Prozent der Anteile besitzen. Gleichzeitig hat Liwet signalisiert, dass sie sich mit einem erheblichen Betrag an der Kapitalerhöhung beteiligen wird.

Nach weiteren Voten sass der Verwaltungsrat zusammen, um über die angepasste Kapitalerhöhung zu beraten. Das Aufsichtsgremium stimmte dem ebenso zu wie auch das Plenum – mit einer Mehrheit von fast 80 Prozent.

Blick in die ausserordentliche Generalversammlung von Schmolz und Bickenbach in Emmenbrücke.

Blick in die ausserordentliche Generalversammlung von Schmolz und Bickenbach in Emmenbrücke.

Damit ist der Konzern vorerst gerettet. Allerdings bleiben noch viele Unsicherheiten. Eine davon ist, dass wegen des Kontrollwechsels eine Anleihe fällig wird, die eigentlich noch bis 2022 laufen würde – dadurch steigt der Kapitalbedarf noch mehr an. Haefner zeigte sich an der GV bereit, hier nötigenfalls in die Bresche zu springen und eine Brückenfinanzierung zu ermöglichen. Er zeigte sich aber zuversichtlich, dass nicht viele Investoren von einem Rückkauf Gebrauch machen werden.

Nicht mit finanziellen Mitteln zu lösen ist das Problem Finma: Die Finanzmarktaufsicht prüft noch bis spätestens zum 9. Dezember, ob sie dem Plan zustimmen soll oder nicht. Die Übernahmekommission hatte den ursprünglichen Plan abgelehnt beziehungsweise gefordert, dass den übrigen Aktionären ein Angebot gemacht wird – was Haefner aber kategorisch ablehnt. Sollte die Finma zum Schluss kommen, dass es sich bei der jetzt beschlossenen Kapitalerhöhung nicht um eine Sanierung handelt, stünde S+B wieder auf Feld eins. Das Geld reicht aktuell noch bis Ende Januar. Danach können die Banken die laufenden Kredite kündigen.

Doch damit nicht genug. Selbst wenn in einer Woche klar ist, dass die Kapitalerhöhung wie vorgesehen durchgeführt werden kann, stehen dem Stahlhersteller harte Zeiten bevor. Wie Präsident Jens Alder sagte, sei der Zustand des Unternehmens weiterhin kritisch und werde es vorerst auch bleiben. «Selbst wenn alles klappt, sind in den nächsten Jahren sehr harte Restrukturierungen angesagt. Wir müssen mit dem Geld extrem vorsichtig umgehen, und das über eine lange Zeit», sagte Alder.

Am Stahlwerk in Emmenbrücke beschäftigt der Konzern über 700 Personen, die in den letzten Monaten von Kurzarbeit betroffen waren. Am Konzernhauptsitz in der Stadt Luzern arbeiten weitere 60 Personen. Haefner hatte letzte Woche der NZZ gesagt, dieser Hauptsitz sei «überdimensioniert».

An der GV beschränkte sich Haefner derweil auf hoffnungsvolle Aussagen. «Edelstahl hat eine grosse Zukunft vor sich», sagte der 65-Jährige. Er könne einen langfristigen Horizont von fünf bis sieben Jahren bieten, damit S+B wieder auf die Spur finden könne.

Klappt die Sanierung, wird sich der aktuelle Vizepräsident des Verwaltungsrates aus dem Aufsichtsgremium zurückziehen. Er wolle sich auf die Rolle des Eigners konzentrieren.

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