Der nächste Raiffeisen-Präsident kommt aller Voraussicht nach aus der Diaspora. Die Stadt Basel, wo der nominierte Banker Guy Lachappelle herkommt, gehört jedenfalls definitiv nicht zum Stammland der über 100-jährigen Genossenschaft. Die erste Niederlassung in Basel eröffnete Raiffeisen erst 2001. Dementsprechend bewegt sich der Marktanteil des schweizweit grössten Hypothekeninstituts im wirtschaftlich potenten Stadtkanton kaum über 10 Prozent. In den traditionellen Kerngebieten St. Gallen, Wallis, Jura, Tessin oder Aargau kontrolliert die Gruppe mit ihren 246 rechtlich autonomen Genossenschaftsbanken teilweise mehr als 50 Prozent des Marktes.

Es ist kein Zufall, dass sich die von den Skandalen um ihren früheren Chef Pierin Vincenz gezeichnete Bank nicht mehr nur direkt vor der Haustür ihrer St. Galler Zentrale auf die Suche nach einem geeigneten Kandidaten machen wollte. Die eklatanten Schwächen in der Oberaufsicht, wie sie die Finanzmarktaufsicht im Juni im Rahmen ihres Aufsichtsverfahrens festgestellt hatte, schrien geradezu nach personellen Massnahmen, die frei von jedem Filzverdacht sind.

In dieser Hinsicht ist Guy Lachappelle zweifellos eine geschickte Wahl. Seit 2006 ist er in verschiedenen Funktionen für die Basler Kantonalbank und deren Konzerngesellschaften tätig. 2012 avancierte er zum Chef. Die Karriere des 57-jährigen Juristen spielte sich grossmehrheitlich in dessen Heimatstadt ab. Direkte oder indirekte Verbindungen zu Raiffeisen sind mindestens auf den ersten Blick keine zu erkennen.

Lachappelles Nomination wurde auch nicht allein im Kreis des Raiffeisen-Verwaltungsrates entwickelt, wie deren Vizepräsident und interimistischer Leiter Pascal Gantenbein im Gespräch erklärt. Die Genossenschaftsbanken seien über die Regionalverbände frühzeitig in den Prozess eingebunden worden, betont der an der Universität Basel lehrende Wirtschaftsprofessor. Die Mitsprache habe sich von der Definition des Kandidatenprofils bis hin zur Absegnung der endgültigen Kandidatenauswahl erstreckt. Der Prozess sei in der Governance-Kultur von Raiffeisen «ein Novum» gewesen, sagt Gantenbein.

Basis redet auch beim Chef mit

Die Zusatzschlaufe war zwingend nötig, um das Risiko einer Nicht-Wahl von Lachappelle an der Delegiertenversammlung vom 10. November auf ein Minimum zu reduzieren. Gantenbein ist auch deshalb zuversichtlich, dass die Delegierten im November dem Wahlvorschlag zustimmen werden. Er selber hatte sich im Juni etwas vorschnell ins Rennen geworfen: An der damaligen Delegiertenversammlung meldete er offensichtlich ohne Rücksprache mit der Basis seine eigene Kandidatur für das Präsidium an. Ende Juli zog er die Kandidatur auf Druck der Delegierten zurück, um seine derzeitigen Aufgaben «unbelastet von jeglicher Art von Wahlkampf» zu Ende führen zu können, wie er sagte.

Lachappelles erste grosse Aufgabe wird es sein, einen neuen Chef zu bestimmen, nachdem der aktuelle Raiffeisen-Lenker Patrik Gisel Mitte Juli ebenfalls auf internen Druck seinen Rücktritt auf Ende Jahr angekündigt hatte. Doch auch hier redet die Basis ein gewichtiges Wort mit. Der Suchprozess sei bereits im Gang, sagt Gantenbein. Es sei ein Prozess, in dem die Genossenschaftsbanken auch eigene Vorschlägen einbringen könnten. Sie werden sich auch zu den vom Verwaltungsrat selber vorgeschlagenen Personen äussern können. Eine definitive Wahl werde allerdings erst nach dem 10. November getroffen werden, denn schliesslich bleibt die Bestimmung des Chefs Aufgabe des Verwaltungsrates.

Böse Überraschungen?

Für Lachappelle ist die Kandidatur nicht ganz risikolos. Zwar wurde er vom Verwaltungsrat über den Stand der internen Untersuchungen in der Affäre Vincenz in Kenntnis gesetzt. Doch ein vertiefter Einblick in die vertraulichen Dokumente blieb ihm versagt. Es ist also möglich, dass er sich schon bald nach der Wahl mit einigen schwierigen neuen Fakten konfrontiert sehen wird. Doch der Basler kennt den Schwebezustand aus eigener Erfahrung. Als er im November 2012 interimistisch zum Chef der Basler Kantonalbank berufen wurde, musste er sich bis zur definitiven Ernennung drei Monate gedulden. Lachappelle folgte auf Hans Rudolf Matter, der aufgrund einer Untersuchung der Finma zum Rücktritt gezwungen wurde.

Der Übergang vom operativen Lenker der BKB zum obersten Aufseher der Raiffeisen wird für Lachappelle zunächst kein kleineres Arbeitspensum bedeuten. Die Finma will bei der Genossenschaftsbank vorerst einen Vollzeitpräsidenten. Bis im März war für das Amt offiziell ein 50-Prozent-Pensum vorgesehen. Zusammen mit Lachappelle werden die Raiffeisen-Delegierten im November noch vier weitere neue Verwaltungsräte wählen können. Der selbstständige IT-Unternehmer Andrej Golob ist bereits bei der Raiffeisenbank Olten im Verwaltungsrat.

Auch die Compliance-Spezialistin Karin Valenzano Rossi, Partnerin der Zürcher Anwaltskanzlei Walder Wyss, ist seit 2016 im Verwaltungsrat einer Genossenschaftsbank (Raiffeisen Lugano) aktiv. In der Person des ehemaligen Safra-Sarasin-Finanzchefs und EFG-Geschäftsleitungsmitglieds Thomas Müller soll das Raiffeisen-Aufsichtsgremium zusätzliche Risiko-Management und Bankkompetenzen erhalten. Ergänzt wird das dereinst 12-köpfige Gremium schliesslich mit dem Profi-Verwaltungsrat Beat Schwab, der unter anderem als Präsident der börsenkotierten Zug Estates Holding einen breiten Erfahrungsschatz im Immobiliengeschäft einbringen will. Derzeit sitzen nur sieben Verwaltungsräte im Gremium. Die Erneuerung und überfällige Professionalisierung des Verwaltungsrates steht damit kurz vor der Vollendung.