Päckliboom
Im Paketzentrum Frauenfeld fehlten wegen Corona vier Prozent der Mitarbeiter – die Teamkollegen wurden nicht informiert

In der Vorweihnachtszeit wickelte die Post so viele Pakete ab wie nie zuvor. Doch aussergewöhnlich viele Mitarbeiter infizierten sich mit dem Coronavirus. Mitarbeiter bemängeln die Information.

Stefan Ehrbar
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Im Paketzentrum Frauenfeld fielen vor Weihnachten bis zu 28 Mitarbeiter pro Tag wegen Corona aus.

Im Paketzentrum Frauenfeld fielen vor Weihnachten bis zu 28 Mitarbeiter pro Tag wegen Corona aus.

Reto Martin

Über 24 Millionen Pakete lieferte die Post in den ersten vier Dezemberwochen dieses Jahres aus. Das sind fast ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Wegen der Coronakrise wurden so viele Geschenke wie nie online bestellt – ein Stresstest für die Post. Besonders unter Druck standen die Mitarbeiter im Paketzentrum Frauenfeld, einem der grossen drei dieser Art. Bis zu eine halbe Million Pakete wurden dort in der Vorweihnachtszeit täglich verteilt, etwa 600 Mitarbeitende arbeiteten im Schichtbetrieb.

Doch ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit fielen in Frauenfeld aussergewöhnlich viele Mitarbeiter aus. Sie hatten sich entweder mit Corona infiziert oder mussten in Quarantäne. An einem Tag in der Vorweihnachtszeit waren vier Prozent der Mitarbeiter wegen Corona abwesend – 22, weil sie sich infiziert hatten, sechs weitere, weil sie in Quarantäne mussten. Das bestätigt die Post.

Die Konkurrenz hat weniger Ausfälle

Dieser Wert ist aussergewöhnlich hoch. Bei der Konkurrentin DPD Schweiz betrug die Ausfallquote durch Krankheit und Quarantäne im Dezember 1,2 Prozent – und in dieser Zahl sind alle Krankheitsausfälle abseits von Corona einberechnet. Es sei gelungen, die Ausfälle bei den Depotmitarbeitenden und den Fahrern im Rahmen der Vorjahre zu halten, heisst es bei DPD.

Davon ist die Post in Frauenfeld selbst jetzt weit entfernt. Aktuell seien «weniger als drei Prozent der Mitarbeiter infiziert oder in Quarantäne», sagt eine Sprecherin. Zum Vergleich: In den letzten 14 Tagen wurden in der Schweiz laut Zahlen des Bundesamt für Gesundheit 47'000 neue Coronainfektionen gemeldet. Das entspricht 0,5 Prozent der Bevölkerung.

Mitarbeiter wurden nicht informiert

Mitarbeiter ärgern sich aber nicht nur über die hohe Zahl der Infektionen, sondern auch über die fehlende Information. Die Chefs hätten die Mitarbeiter, die mit den Infizierten zusammengearbeitet hätten, nicht über deren Corona-Infektion informiert, sagt ein Mitarbeiter zu CH Media. Stattdessen hätten sie von einer Grippe gesprochen oder die Abwesenden als «einfach krank» bezeichnet.

Das Paketzentrum Frauenfeld ist unterteilt in die Sortierung der Pakete im Zentrum und in eine Distributionsbasis, wo die Pakete von Boten verteilt werden. Das Problem betraf auch letztere. Ein Mitarbeiter aus der Paketzustellung habe sich beschwert, dass keinerlei Informationen zu Infektionen an sein Team weitergeleitet worden seien, sagt Azra Ganic, Regionalsekretärin der Gewerkschaft Syndicom. «Stattdessen haben sich die Mitarbeiter die Informationen zu den Coronainfektionen selber zusammenreimen müssen, indem sie die Arbeitspläne anschauten.»

Stieg die Arbeitsbelastung?

Die Ausfälle hätten auch Einfluss auf die Arbeitsbelastung, sagt Ganic. «Die Post hat vehement darauf beharrt, dass sie auf die ansteigende Paketflut reagiert und zusätzliches Personal eingestellt hat. Betrachtet man aber den Ausfall von vier Prozent, decken die neu Angestellten knapp die akuten Ausfälle aufgrund von Krankheit oder Fluktuation.» Somit spürten einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter de facto nichts von den Neuanstellungen, da in der Summe die gleiche Zahl an Zustellerinnen und Zustellern arbeiten und das massiv erhöhte Volumen habe bewältigen müssen, sagt Ganic.

«Gemäss den Vorgaben der Post zum Coronavirus ist ein Vorgesetzter dazu verpflichtet, das betroffene Team bei einer Corona-Infektion zu informieren», sagt Ganic. «Sie hat es verpasst, die Fürsorgepflicht gegenüber den betroffenen Team-Kolleginnen wahrzunehmen.» Allerdings habe es auch Teams gegeben, in denen transparent über die Ausfälle informiert worden sei.

Post: «Kein Pranger»

Die Post verteidigt ihr Vorgehen. «Wir haben darauf verzichtet, die direkten Teamkollegen zu informieren und die Namen der Kranken zu nennen», sagt eine Sprecherin. Die Post habe aber immer dafür gesorgt, dass Mitarbeitende, die gefährdet waren, dies gemäss den Vorgaben der Behörden auch erfuhren. «Wir verstehen, dass man Unsicherheit empfindet, wenn es um das Coronavirus geht und man sich um die eigene Gesundheit sorgt oder darum, dass man das Virus weiterverbreiten könnte.»

Die Post wolle ihre Fürsorgepflicht als Arbeitgeberin gegenüber allen Mitarbeitenden wahrnehmen. «Das bedeutet eben auch, dass wir jene Personen, die erkrankt sind, nicht an einen Pranger stellen. Informationen über Krankheiten sind vertraulich, auch wenn es um Corona geht.» Die Post halte die Vorgaben der Behörden ein. Wenn diese von einer Gefährdung ausgingen, würden die betroffenen Mitarbeitenden informiert und in Quarantäne und zum Test geschickt. «Darüber hinaus informieren die Vorgesetzten in Frauenfeld die Mitarbeitenden über die Anzahl der aktuellen coronabedingten Ausfälle im ganzen Paketzentrum.»

Die Schutzkonzepte entsprächen stets den Vorgaben des Bunds und der Kantone, so die Post-Sprecherin. Tatsächlich fiel das Paketzentrum Frauenfeld den Behörden bisher nicht negativ auf. Beim Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau heisst es, man habe weder Hinweise erhalten noch Beanstandungen gemacht.