Montagsinterview
Jetset, Betreibungen, Karibik-Pläne: Jetzt redet Patrick Liotard-Vogt

Unternehmer Patrick Liotard-Vogt sonnte sich jahrelang im Rufe des Shootingstars. Anfang Jahr brach der Höhenflug jäh ab, als Betreibungen gegen ihn publik wurden. Inzwischen sind die Differenzen bereinigt, hier äussert er sich erstmals ausführlich.

Christian Dorer und Lorenz Honegger
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«Eine gewisse Ähnlichkeit mit Barbarossa, dem Piraten, muss ich zugeben.»
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«Die Medien bauen dich auf. Dann musst du auch mal untendurch.»
Zum letzten Mal im Nachtclub? «Bestimmt nicht in den letzten drei Monaten.»
Patrick Liotard-Vogt erklärt, woher all die Betreibungen kamen.
Patrick Liotard-Vogt
Liotard-Vogt: ein Kind der Goldküste, heute ein 30-jähriger globaler Unternehmer.
«Ich konnte mir immer noch drei Mahlzeiten am Tag leisten.»
Liotard-Vogt erläutert seine Pläne für ein 5-Stern-Resort in der Karibik.
«Mit 40 wäre mein Wunsch, eine Familie und Kinder zu haben.»

«Eine gewisse Ähnlichkeit mit Barbarossa, dem Piraten, muss ich zugeben.»

Emanuel Freudiger

Patrick Liotard-Vogt hat sein Büro in einem futuristischen Gebäude neben dem Bahnhof Zürich Tiefenbrunnen mit direkter Aussicht auf den See. Auf der Terrasse hat der von New York bis St. Kitts tätige Investor eine Bar eingerichtet. Dorthin lädt der 30-Jährige regelmässig seine Freunde ein, zum Beispiel zum Fussball-Schauen während der Weltmeisterschaften. Liotard-Vogt erscheint elegant gekleidet und gut gelaunt zum Gespräch.

Herr Liotard-Vogt, man hat Sie schon als Mischung zwischen Pirat und Establishment beschrieben – was trifft mehr zu?

Patrick Liotard-Vogt: (lacht) Eine gewisse Ähnlichkeit mit Barbarossa, dem Piraten, muss ich zugeben. Wir teilen den Enthusiasmus für guten Rum und Abenteuer – ich wage mich an Projekte, von denen andere die Finger lassen. Meine Wurzeln sind in der Tat an der Zürcher Goldküste zu finden, doch daraus auf Establishment zu schliessen, wäre nicht angebracht.

Sie gehörten schon in jungen Jahren zum internationalen Jetset. Worin besteht der Reiz, dort dazuzugehören?

Was heisst schon Jet-Set? Das ist irgendein vages, eher einseitiges Label, das man jedem aufdrückt, der viel reist und der den einen oder anderen Schauspieler kennt. Was stimmt: Bei meiner ersten Firma – «The World’s Finest Clubs» – ging es ums Nachtleben. Man war jung, kannte Paris Hilton und dachte, man sei cool. Heute sind diese Bekanntschaften nicht mehr so zentral für mich.

Warum nicht?

Einerseits habe ich mich geschäftlich weiterentwickelt mit anderen Projekten und brauche die Nähe zur Szene nicht mehr in dem Umfang. Andererseits habe ich privat andere Vorlieben, als dem Showbiz-Zirkus nachzurennen.

Sind Sie bodenständig?

Ich besuchte in Stäfa den Kindergarten, die Primar- und Sekundarschule. Danach kam ich ins Internat. Von daher habe ich beides: einen internationalen und einen lokalen Freundeskreis.

Vor kurzem wurden Sie 30. Wie oft stürzen Sie sich noch ins Nachtleben?

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in einem Nachtclub war. Bestimmt nicht in den letzten drei Monaten.

Liotard-Vogt: ein Kind der Goldküste, heute ein 30-jähriger globaler Unternehmer.

Liotard-Vogt: ein Kind der Goldküste, heute ein 30-jähriger globaler Unternehmer.

Emanuel Freudiger

Ist Ihnen die Lust am Feiern vergangen?

Im Gegenteil, man feiert nur anders, speziell in der Karibik. Clubs sind laut und unpersönlich. Ich schliesse nicht aus, dass ich das wieder mal mache, aber momentan treffe ich mich lieber mit Freunden zum Essen und trinke eine gute Flasche Wein.

Als Jungunternehmer hat man Sie während Jahren in den Himmel gelobt. Man nannte Sie «Shootingstar», «Swiss-Mogul», «König der Clubs» – bis im Januar Zeitungsberichte über Betreibungen von Geschäftspartnern in der Höhe von über 4 Millionen Franken auftauchten.

Ich glaube, das musste so kommen. Die Medien bauen dich auf, und dann musst du auch mal untendurch. Man denke an das Zitat von Mathias Döpfner, CEO von Axel Springer: «Sie laden uns zur Hochzeit ein, dann kommen wir auch zur Scheidung.» Die Schlagzeilen waren sicher nicht erfreulich. Aber das gehört zum Leben.

Woher kamen die Betreibungen?

Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Nur so viel: Es ist ein Unterschied, ob man Betreibungen am Hals hat, weil man die Handyrechnung nicht mehr bezahlen kann, oder ob man im geschäftlichen Umfeld betrieben wird. Eine Grossbank beispielsweise wird laufend betrieben. Das allein ist noch kein Schuldeingeständnis. Oft entscheiden die Gerichte, ob eine Forderung gerechtfertigt ist oder nicht, und in meinem Fall waren wir weit von gerichtlichen Entscheidungen entfernt. Es ist aber klar, dass mich der öffentliche Druck dazu bewogen hat, die Angelegenheit schnell zu beenden.

Also waren Sie nie in Geldnot?

Wie ich schon früher gesagt habe: Ich konnte mir immer noch drei Mahlzeiten am Tag leisten, aber meine Lehren habe ich gezogen. Betreibungen, egal welcher Natur, sind schlecht. Unter Partnern sollte man dafür sorgen, dass es gar nicht so weit kommt. In Zukunft möchte ich öffentlich weniger über Visionen sprechen, sondern lieber über Erreichtes und Fakten. Träumen kann ich im Stillen.

Trotzdem: Wie kam es dazu, dass Sie von Diners Club Schweiz betrieben wurden, einem Unternehmen, bei dem Sie selbst mit 18 Prozent beteiligt waren?

Dazu kann ich keine Stellung nehmen.

Sie haben Ihre Beteiligung an Diners im März verkauft.

Auch dazu kann ich keine Stellung nehmen.

Ihr ehemaliger Geschäftspartner Joe Robinson griff Sie im «Blick» persönlich an. Er sagte, Ihre Familie schäme sich bestimmt für Sie. Hat Sie das getroffen?

Wissen Sie: Nur er und ich kennen die ganze Geschichte, und ich weiss auch, wie sie enden wird. Das Ganze war eine Boulevard-Story fernab aller Tatsachen.

Was sagen Ihre Eltern dazu, wenn Sie – positiv und negativ – in den Schlagzeilen stehen?

Ich kann nicht für meine Eltern sprechen. Familieninterne Angelegenheiten sind bei mir privat.

Es hiess auch, Sie seien in die Karibik geflüchtet.

Auch das ist frei erfunden. Als ich 2009 das soziale Netzwerk Asmallworld kaufte, verbrachte ich viel Zeit in New York und war 300 Tage pro Jahr im Ausland unterwegs. Seit Anfang 2012 reise ich regelmässig in die Karibik, wo ich im Juli 2013 mein bisher grösstes Investment getätigt habe.

Kittian-Hill – ein Fünf-Sterne-Hotel-Resort auf der 170 Quadratkilometer grossen, 35 000 Einwohner zählenden Insel St. Kitts, 2000 Kilometer von Miami entfernt. Wie kamen Sie dorthin?

Ich habe den Gründer Val Kempadoo per Zufall über einen gemeinsamen Freund kennen gelernt. Als ich das erste Mal nach St. Kitts kam, verliebte ich mich sofort in das Resort und kaufte eine kleine Einheit für mich. Das Projekt war damals schon sechs Jahre alt und in den Händen eines staatlichen Fonds. Ein halbes Jahr später bekam ich die Möglichkeit, die Anteile des Fonds zusammen mit dem Gründer zu übernehmen.

«Mit 40 wäre mein Wunsch, eine Familie und Kinder zu haben.»

«Mit 40 wäre mein Wunsch, eine Familie und Kinder zu haben.»

Emanuel Freudiger

Um wie viel Geld geht es? In den Medien war von 600 Millionen Franken die Rede.

Der Projektumfang beträgt 580 Millionen US-Dollar, aufgeteilt in drei Phasen.

Wie gross ist Ihr Anteil?

Wir sind eine private Firma und in Bezug auf Besitzverhältnisse niemandem Rechenschaft schuldig. Was ich sagen kann: Der Gründer und ich sind die einzigen Aktionäre und Verwaltungsratsmitglieder.

Was für ein Resort planen Sie?

Es ist 236 Hektaren gross. Als Erstes eröffnen wir am 12. Dezember das Bungalow-Hotel «Belle Mont Farm». Es wird 84 Luxus-Cottages, sieben Vier-Zimmer-Suiten und 13 Villen beinhalten. Seit Anfang September kann man buchen.

Was wird die günstigste Übernachtung kosten?

Die Zimmerpreise betragen 800 Dollar pro Nacht plus Taxen – also etwa 1100 Dollar.

Stimmt es, dass Sie die Staatsbürgerschaft von St. Kitts angenommen haben?

Ja, St. Kitts hat das älteste «Citizenship by Investment»-Programm der Welt. Das gibt es auch in Amerika, Bulgarien, Zypern und Malta. Man will damit ausländische Investoren ins Land holen. Ich musste einen sehr aufwendigen Prozess durchlaufen und neben allen finanziellen Bescheinigungen sogar einen Aids-Test machen. Ein Gremium entscheidet dann, ob man die Staatsbürgerschaft bekommt oder nicht.

Sprechen wir über Asmallworld. Das Unternehmen haben Sie dem US-Filmproduzenten Harvey Weinstein 2009 angeblich für 10 Millionen Franken abgekauft. In der Wirtschaftspresse konnte man lesen, Sie seien über den Tisch gezogen worden. Asmallworld sei ein Sanierungsfall.

Das ist Teil meines Business-Modells: Ich mag Turnaround-Situationen, Problemfälle. Das Risiko ist gross, der Kaufpreis dementsprechend relativ klein. Mit harter Arbeit, einem Top-Management-Team und Kapital versuche ich, das Unternehmen zur Profitabilität zu führen. Zu den Erfolgsstorys gehören sicher Students.ch und usgang.ch, die wir beide an Axel Springer verkaufen konnten. Auch Asmallworld hatte bei der Übernahme noch nie Geld verdient. Mittlerweile haben wir den Turnaround geschafft. Es wird aber auch Misserfolge geben, das ist logisch. Und auch über die rede ich gerne, damit so viele wie möglich davon lernen können. Übrigens, mit Harvey Weinstein habe ich es immer noch sehr gut und er besucht unsere Events in Gstaad sehr gerne.

Ist es hierzulande verpönter als beispielsweise in Amerika, mit einem Unternehmen zu scheitern?

Absolut. In Amerika sagt man überspitzt formuliert: Oh, du hast dein Lädeli an die Wand gefahren? Schau, hier hast du 10 000 Franken, das nächste Mal machst du es besser. In der Schweiz und generell in Europa wagen die Leute weniger, aus Angst, es könnte etwas schiefgehen.

Sind Sie schmerzloser als andere?

Ich investiere meistens als Hauptinvestor. Meine Geschäftspartner wissen, wenn etwas schiefgeht, dann verliert der Liotard ein Vielfaches mehr. Dafür ist der Ertrag höher, als wenn man Bundesobligationen kauft.

Weiss Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, was Asmallworld ist und wer Sie sind?

Ich habe ihn vor drei, vier Jahren mal in München kennen gelernt und ein paar Worte mit ihm ausgetauscht. Mark Zuckerberg ist ein Nerd – im positiven Sinn. Er hat mit Facebook Grossartiges geleistet. Und natürlich kennt man Asmallworld. Wir waren eines der ersten sozialen Netzwerke überhaupt, noch vor Facebook. Der Gründer von Whatsapp beispielsweise hat sein Geld bei uns gesucht. Er schrieb ins Forum, er habe eine «great idea» und benötige dafür 250 000 Dollar. Auch der Gründer von Wikipedia ist bei uns.

Sind Sie immer noch auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten?

Ich schaue mir viele Dinge an. Momentan will ich mich stärker fokussieren. Nach dem Verkauf von Usgang.ch begann ich links und rechts zu investieren und war überzeugt, dass alles gut kommt, musste mir aber irgendeinmal die Frage stellen: Wie manage ich das alles? Wie kann ich mich ins Unternehmen einbringen? Heute lautet meine Philosophie: Entweder bin ich die Lokomotive oder ich hänge meinen Karren an die Lokomotive.

Woran erkennen Sie, ob eine Firma Potenzial hat?

Für mich ist die menschliche Komponente sehr wichtig. Man muss die Passion des Gründers spüren. Ich habe lieber ein Unternehmen mit einer schlechten Geschäftsidee und einem Topteam als eine Topidee mit einem schlechten Team.

Wie viele Beteiligungen haben Sie zurzeit?

Es sind viele, auch viele kleinere. Meine zwei Hauptprojekte sind Asmallworld und Kittian Hill, die ich mit Unterstützung meines Family Offices manage.

Sie stammen aus einer Familie, die schon seit Generationen eine wichtige Rolle spielt in der Wirtschaft. Ihr Grossvater war CEO und Präsident bei Nestlé, ihr Vater leitete das Family Office. Wie hat Sie das geprägt?

Zu Hause hörte ich oft, wie Nestlé klein angefangen hat. Meine Eltern förderten meinen unternehmerischen Geist und liessen mich machen. Ich konnte Ideen anbringen, ohne dass man mir sagte, vergiss es, sondern eher: Probier mal!

Waren Sie verwöhnt?

Nein. Klar gibt es Leute, die haben viel geerbt und machen nichts daraus. Ich persönlich muss mit coolen Menschen an etwas Spannendem arbeiten. Es ist eine Frage des Antriebs.

Dennoch haben Sie mit 17 Jahren die Schule geschmissen.

Ja, ich hatte keine Lust auf Biologie und Physik, dafür den Drang, etwas selber zu machen. Meine Eltern gaben mir 40 000 Franken für meine erste Firma und sagten: Versuchs. Dafür bin ich ihnen ewig dankbar. Mittlerweile habe ich auch in Sachen Ausbildung einiges nachgeholt und doch noch einen Bachelor abgeschlossen.

Sind Sie heute immer noch zufrieden mit Ihrer damaligen Entscheidung?

Manchmal wäre es schon schön, noch einen Master von einer renommierten Universität zu haben. Doch viel wichtiger ist, dass man lernhungrig bleibt. Man muss sich immer mit Menschen umgeben, von denen man lernen kann, die mehr können als man selbst. Und man muss auch wissen, wo man Defizite hat.

Wo sind Ihre?

Ich bin nicht der geborene CEO. Meine Aufmerksamkeitsspanne für ein Projekt reicht nicht sehr lange. Ich kann gut mit einem starken operationellen Team zusammenarbeiten, aber ich sehe meine Position mehr auf Verwaltungsratsebene, als Sparringspartner.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren, mit 40?

Mit 40 wäre es mein Wunsch, eine Familie und Kinder zu haben. Das ist meines Erachtens das schönste Investment, das man machen kann.

Und geschäftlich?

Ich wünsche mir, dass mir meine Bereitschaft für etwas waghalsige Projekte wie jetzt in St. Kitts erhalten bleibt. Denn es macht einen Heidenspass.

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