Notenbanken

Kein Rückkehr zur Normalität zu sehen: Die Zinswende findet nicht statt

Auf der Suche nach einer Rendite: Händler an der New Yorker Börse.

Auf der Suche nach einer Rendite: Händler an der New Yorker Börse.

In der Schweiz nähern sich die Zinsen für 10-jährige Hypotheken einer historischen Marke: Dem Rekordtief von 2016.

Vieles deutet darauf hin, dass die Finanzmärkte gerade eine historische Woche durchleben. Es ist jene Woche, in welcher die langerwartete Zinserhöhung endgültig in die ferne Zukunft verschoben wurde. Dabei galt eine Zinswende noch letzten Herbst als hochwahrscheinlich. Die Investoren hatten begonnen, sich auf eine Rückkehr zur alten Normalität vorzubereiten. Aktien verloren deutlich an Wert.

Nach dieser Woche stellen sich die Investoren auf eine neue Normalität ein. Eine Welt dauerhaft tiefer Zinsen, in welcher die Geldpolitik in den USA wieder lockerer wird und in Europa noch lockerer als ohnehin schon. Das sind die Botschaften, welche die Investoren mitgenommen haben aus den Auftritten von Mario Draghi bei der Europäischen Zentralbank und von Jerome Powell bei der amerikanischen Federal Reserve Bank.

Damit gibt es auch in der Schweiz keine Rückkehr zur Normalität, auch elf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise nicht. Vielmehr sind die Zinsen nochmals zusätzlich unter Druck geraten. Die Rendite auf 10-jährige Bundesobligationen fiel zur Vorwoche deutlich. Auch Hypothekarzinsen gaben nach, etwa die 10-jährigen Festhypotheken. Gemäss dem Vergleichsdienst Comparis wiesen die Banken gestern Donnerstag im Durchschnitt einen Zins von 1,1 Prozent aus. Damit kommen die Richtzinsen der Rekordmarke von 1 Prozent immer näher. Noch im letzten Herbst, als es nach Zinswende aussah, standen die Richtzinsen bei 1,67 Prozent.

Einkaufstouristen als Gewinner?

Nicht ganz so schnell geht es bei den Mieten. Doch der Abwärtsdruck auf die Zinsen macht sich auch dort bemerkbar. Der hypothekarische Referenzzinssatz wird nochmals um einen Viertelpunkt sinken. Mieter können erneut eine Senkung verlangen. Die Frage ist nur, wann genau der Zeitpunkt da ist. Der Mieterverband glaubt, es werde entweder im März oder dann spätestens im Juni 2020 so weit sein. Gleichzeitig setzte die Börse zu neuen Höhenflügen an. Der Swiss Market Index übertraf diese Woche erstmals die Marke von 10 000 Punkten. Ein Börsianer meinte, im aktuellen Zinsumfeld lohnten sich nur Investitionen in Aktien.

Der Franken wird wieder stärker. Ein Euro kostete gestern zeitweise weniger als 1.11 Franken. Noch im April waren es 1.14 Franken, im letzten Jahr vorübergehend über 1.18 Franken. Damit wird das Shoppen in Konstanz und Lörrach wieder günstiger. Ebenso die Ferien im Ausland. Und es könnte zu Trendwenden kommen. Zuletzt hatte der Einkaufstourismus in Deutschland stagniert, auch die Zahl schweizerischer Gäste in Österreich.

Die Kehrseite des wieder billigen Euros werden hingegen viele Arbeitnehmer erfahren. Der Detailhandel etwa hat bereits zuvor Tausende von Beschäftigten entlassen, über 20 000 in den letzten neun Jahren. Es war eine Reaktion auf grosse Umsatzverluste. So verlor der «Handel ohne Nahrungsmittel» – also mit Shampoos, Waschpulver oder Unterhaltungselektronik – über die letzten neun Jahre rund 10 Prozent seines Umsatzes. In der Industrie hatten selbst mit einem schwächeren Franken über ein Drittel der Unternehmen ungenügende Margen. Mit dem billigeren Euro werden sie noch mehr zu kämpfen haben. Der alpine Tourismus hatte sich mit Preissenkungen ein Stück weit zurückgekämpft in der Gästegunst. Doch die Margen blieben vielerorts zu gering. Mit einem stärkeren Franken wird es noch schwieriger.

«Very unfair to the USA»

Seinen Anfang nahm diese historische Woche mit dem Auftritt von Mario Draghi. Am Dienstag leitete der Chef der Europäischen Zentralbank endgültig die Abkehr von der Zinswende ein. Zwei Wochen zuvor hatte er es mit Warnungen belassen. «Wir sind weit entfernt von einer Normalisierung der Geldpolitik, weil die Welt weit entfernt ist von einer Normalisierung.» Doch die Teuerung gab weiter nach. Die Investoren erwarteten, es gehe damit so weiter.

Diese Woche stand Draghi nun unter Zugzwang. Er kündigte an, man werde «alle Flexibilität innerhalb des Mandats nutzen, um den Auftrag zu erfüllen». Der da lautet, eine Teuerung von höchstens 2 Prozent zu erreichen. Notenbanker wählen ihre Worte mit Bedacht. Es war wohl kein Zufall, dass Draghis Worte an sein legendäres «Was auch immer nötig ist» erinnerten, mit dem er 2012 die Staatsschuldenkrise abwendete.

Auf Draghi folgte gleichentags als nächster Hauptakteur dieser Woche der amerikanische Präsident. Draghis Worte missfielen Donald Trump, sein Ärger entlud sich auf dem Nachrichtendienst Twitter. Draghi mache es einfacher für die Europäer, auf unfaire Weise mit den Amerikanern zu konkurrieren. «Damit kommen sie seit Jahren durch, wie China und andere auch.»

Die Erwähnung von China war eine Drohung: Trump könnte mit den Europäern einen Handelsstreit vom Zaun brechen, wie er es mit China getan hat. Seine Tirade schloss Trump vorwurfsvoll: «Very unfair to the United States». Am Nachmittag drohte Trump dem eigenen Notenbanken-Chef. Auf eine Journalisten-Frage, ob er Powell absetzen würde, erwiderte Trump: «Schauen wir mal, was er macht.» Damit bezog sich Trump auf den Zinsentscheid von Powell, der für den nächsten Tag anstand. Trump will eine ebenso lockere Geldpolitik wie in der Eurozone. Powell senkte dann zwar die Zinsen nicht. Aber er änderte seine Wortwahl, was bei Notenbankern genauso bedeutsam ist. So bereitet er den Boden. Der Markt rechnet nun noch für dieses Jahr mit einer ersten Zinssenkung.

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