Medizin

Kontroverse um günstiges Medikament gegen Altersblindheit: Kassen handeln auf eigene Faust

Wie das viel teurere Lucents wirkt auch das Medikament Avastin gegen eine Form von Altersblindheit namens altersbedingte Makuladegeneration.

Wie das viel teurere Lucents wirkt auch das Medikament Avastin gegen eine Form von Altersblindheit namens altersbedingte Makuladegeneration.

Mehrere grosse Krankenversicherer vergüten ein günstiges Präparat gegen Altersblindheit, obwohl sie das gar nicht dürften.

Hans Müller* leidet unter der ­altersbedingten Makuladegeneration (AMD). Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich eine Augenkrankheit, die das Lesevermögen der Betroffenen einschränkt und später zur Erblindung führen kann. Doch Hans Müller sieht weiterhin gut. Er wird regelmässig mit einer Spritze behandelt, die ins Auge injiziert wird.

Der 78-jährige St. Galler lässt sich seit rund fünf Jahren von einem erfahrenen Augenarzt behandeln. Zunächst wurde Müller mit dem Medikament Eylea der deutschen Firma Bayer behandelt. Zusammen mit dem Präparat Lucentis des Pharmakonzerns Roche sind die beiden Mittel zur Behandlung der Makuladegeneration zugelassen.

Im Jahr 2018 stellte der Augenarzt auf das Medikament Avastin um. Das Krebsmittel, das ebenfalls von Roche hergestellt wird, wirkt ebenfalls gegen AMD, ist jedoch viel günstiger als Eylea und Lucentis. Eylea war auf der Rechnung Müllers mit 1060 Franken aufgeführt, Avastin mit 160 Franken.

Doch nach einigen Behandlungen mit Avastin teilte ihm seine Krankenkasse Assura mit, die Kosten für das Präparat nicht zu übernehmen. Der Grund: Avastin ist nicht offiziell gegen AMD zugelassen. Zwar belegen mittlerweile mehrere klinische Studien, dass Avastin eine gleich gute Wirkung gegen AMD zeigt wie Eylea und Lucentis.

Doch Roche hat weltweit nirgends eine Zulassung für Avastin gegen die Augenkrankheit eingereicht. Das überrascht nicht: Roche hat seit der Zulassung im Jahr 2006 allein in den USA mit Lucentis 19,3 Milliarden Franken umgesetzt. Novartis vertreibt das Mittel ausserhalb den Vereinigten Staaten und hat damit über die Jahre einen Umsatz von 23,3 Milliarden Dollar verzeichnet.

Das Bundesamt für Gesundheit hält sich zurück

Zurück in die Schweiz. Obwohl Krankenkassen laut Gesetz Avastin zur Behandlung von AMD nicht vergüten dürfen, ist nun die Helsana vorgeprescht. Firmenchef Daniel Schmutz machte öffentlich, dass die Krankenversicherung die Kosten dennoch übernimmt. An sich müsste nun das Bundesamt für Gesundheit (BAG) als Aufsichtsbehörde aktiv werden.

Allerdings reagiert das BAG überraschend zurückhaltend. Das Amt schreite primär dann ein, wenn die Interessen der Versicherten gefährdet seien, schreibt die Behörde auf Anfrage. Eine solche Gefährdung der Interessen der Versicherten sei in diesem Fall jedoch nicht ersichtlich. Deshalb stehe eine Intervention nicht im Vordergrund.

Wie eine Umfrage bei den grossen Krankenkassen zeigt, vergüten auch mehrere andere Versicherungen Avastin im Einsatz gegen die Altersblindheit AMD. Es handle sich dabei um eine sehr grosse Ausnahme, sagt etwa eine Sprecherin der Luzerner Krankenkasse Concordia. «Die Kostendifferenz ist so gross und der medizinische Sachverhalt so klar, dass es hier einfach schlicht gegen den gesunden Menschenverstand gehen würde, Avastin nicht zu vergüten.»

Die Versicherer Assura und KPT zahlen nicht

Andere Versicherer prüfen jeden einzelnen Fall. So etwa die Sympany mit Sitz in Basel. Die Walliser Groupe Mutuel tut dies ebenfalls und lässt den Arztbericht vom Vertrauensarzt prüfen. «Die Vergütung wurde jedoch immer gewährt», sagt eine Sprecherin.

Kein Geld für Avastin gegen AMD gibt es von der KPT und der eingangs erwähnten Assura. Letztere beruft sich auf einen Entscheid der Swissmedic aus dem Jahr 2011. Die Luzerner CSS wiederum zahlt Avastin zur Bekämpfung der Altersblindheit nur für Zusatzversicherte, Kunden in der Grundversicherung erhalten das günstigere Avastin nicht.

«Die Situation ist völlig frustrierend»

Augenärzte, die Avastin gegen AMD einsetzen, zeigen sich erfreut über das Vorpreschen von Helsana. Zu ihnen gehört Frank Sachers, Facharzt für Augenheilkunde und Augenchirurgie am Augenzentrum Bahnhof Basel. Er setzt Avastin in rund 5 Prozent aller Fälle der Altersblindheit AMD ein. «Im internationalen Vergleich ist dies erschreckend wenig», sagt Sachers.

Der Aufwand, um Avastin einzusetzen, sei enorm. So müsse er die Patienten darüber aufklären, dass es sich hier um ein Medikament handle, das nicht gegen AMD zugelassen sei und es zugelassene Alternativen gäbe. Entsprechend müsse der Patient eine Erklärung unterschreiben, in der er sich damit einverstanden zeigt. Dies schrecke viele Patienten ab. Zudem muss Sachers eine Kostengutsprache bei den Krankenkassen einholen.

Einzig mit Helsana habe er einen Weg gefunden, der es ihm ermögliche, Avastin ohne bürokratischen Mehraufwand einzusetzen. Der Augenarzt begrüsst zwar, dass auch andere Krankenkassen Avastin vergüten. Dennoch bleibt er skeptisch. «Im Alltag lehnen viele Sachbearbeiter unsere Gesuche ab», sagt er. «Die Situation ist völlig frustrierend.»

Sachers ärgert sich auch über den Bundesrat. Bei den letzten beiden Tarifeingriffen seien die augenärztlichen Leistungen um jährlich 70 Millionen Franken gesenkt worden. «Gleichzeitig wird ein Einsparpotenzial in ähnlicher Höhe im Fall von Avastin ignoriert», sagt Sachers. Offenbar sei es einfacher, bei den Ärzten als bei der Pharmaindustrie das Messer anzusetzen.

* Name der Redaktion bekannt

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