Gesundheitswesen
Krach um neuen Krankenkassen-Berater: Wer wechselt, erhält Provision

Die Interessengemeinschaft der Schweizer Versicherten (IGSV) ist ein neues Unternehmen in der Krankenkassen-Branche. Mit ihrem neuartigen Angebot sorgt sie für Wirbel. Vermittler fürchten um ihr florierendes Geschäft. Krankenkassen reagieren skeptisch.

Roman Seiler
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Wer die Krankenkasse wechselt, sol an der Provision beteiligt werden. (Symbolbild)

Wer die Krankenkasse wechselt, sol an der Provision beteiligt werden. (Symbolbild)

Keystone

Vermittler schlagen in einem E-Mail Alarm: Sie verlangen von Krankenversicherern, den «brandgefährlichen Richard Lüdi» zu stoppen: «Sonst gehen wir alle miteinander unter.» Unternehmensberater Lüdi (50), einst Vertriebs- und Marketingmanager von Krankenversicherern, will mit seinem deutschen Partner Daniel Baumgartner (37) nämlich den Markt der Kassenberater umkrempeln. Daher befürchteten Vermittler, so Lüdi, dass er ihnen ihr «florierendes Geschäft» ruiniere: «Ich erhalte subtile Gewaltandrohungen.»

Prall gefüllter Honigtopf

Erstaunlich ist dies nicht. Der Vermittler-Markt ist ein prall gefüllter Honigtopf. Gemäss Lüdi zahlen Krankenversicherer im Schnitt rund 1000 Franken pro neuen Grund- und Zusatzversicherten. Das läppert sich. Lüdi sagt: «Insgesamt dürfte die Branche jährlich Provisionen in der Höhe von rund 200 bis 300 Millionen Franken ausschütten.» Wie diese Entschädigungen bisher verteilt worden sind, habe keine Zukunft mehr, so Lüdi: «Die von den Krankenversicherern bezahlten Provisionen sind viel zu hoch. Diese Gelder gehören den Versicherten, nicht den Vermittlern.»

Er hat daher «einige hunderttausend Franken» in den Aufbau der anfang August gegründeten IGSV GmbH in Walchwil ZG investiert. Mit dieser «Interessengemeinschaft der Schweizer Versicherten» will er wechselwillige Kunden beraten. Interessenten können sich auf der Website der IGSV anmelden. Die Beratung geschieht telefonisch unter Einbezug einer Online-Konferenz mit webbasierten Beratungstools.

Ausriss aus dem Mail eines angeblichen «Vereins Krankenkasse Vermittler Schweiz».

Ausriss aus dem Mail eines angeblichen «Vereins Krankenkasse Vermittler Schweiz».

Neu an seinem Angebot sei, so Lüdi: «Wer den Krankenversicherer wechselt, soll von einer Zahlung profitieren.» Der Kunde erhält die «vom Krankenversicherer bezahlte Abschlussprovision von einigen 100 bis 2000 Franken». Dieser Betrag übersteige die Gebühr für die Beratung: «Sie kostet 85 Franken pro halbe Stunde und dauert eine bis zwei Stunden.» Das Honorar fällt nur an, wenn ein Kassenwechsel zustande kommt.

Allerdings finanziert Lüdi seinen Betrieb nicht nur mit den Beratungshonoraren: «Wir sind ein gewinnorientiertes Unternehmen.» Daher behalte er die «umsatzabhängigen Superprovisionen sowie weitere Zahlungen der Krankenversicherer wie Büroentschädigungen», zur Finanzierung der Betriebskosten: «Das kommunizieren wir den Kunden auch.» Offengelegt werde, wie hoch die Vergütungen der Kassen an die IGSV seien, beispielsweise diejenigen für den administrativen Aufwand.

Kassen fürchten Transparenz

Dieses von der IGSV lancierte Abgeltungsmodell wenden in ähnlicher Form bereits Firmen-Versicherungsberater an. Private Kassenwechsler erhielten bisher keinen Anteil an der Provision. Doch Lüdi stösst nicht nur auf Widerstand, weil er diese Praxis aufweichen will: «Gewisse Versicherer haben Angst davor, dass bekannt wird, wie hoch die von ihnen an Vermittler ausgeschütteten Provisionen sind. Deshalb schliessen sie mit uns keinen Vertrag ab.» Daher konnte sich Lüdi bisher erst mit zwei Krankenversicherern auf eine Zusammenarbeit einigen. Er möchte aber möglichst mit allen zusammenarbeiten: «Wir wollen Kunden eine für sie massgeschneiderte Versicherungslösung anbieten.» Die Beratung solle «fair und neutral» erfolgen.

Genau diese objektive Beratung sei nicht garantiert, sagt Swica-Sprecherin Silvia Schnidrig: «Denn es könnte sein, dass die IGSV den Kunden einfach bei dem Versicherer unterbringt, der die höchste Entschädigung bietet.» Skeptisch sind auch andere Kassenvertreter. Für Visana-Pressesprecher David Müller sind noch zu viele Fragen zum Beratungsmodell der IGSV offen: «Daher ist aktuell nicht geplant, einen Vertrag mit ihr abzuschliessen.» Dies wäre auch nicht fair gegenüber anderen Vermittlern der Visana, sagt er: «Es müssen alle die gleichen Konditionen einhalten.» Mit der IGSV nicht zusammenarbeiten will auch die Groupe Mutuel. Sprecher Christian Feldhausen sagt, die Qualität der Beratung sei nicht gewährleistet: «Eine Beratung nur per Telefon ist schwierig, insbesondere im Bereich der Zusatzversicherung.»

Die CSS hingegen prüft das neue Modell. Auch die Helsana ist offen für eine Zusammenarbeit. Voraussetzung sei, dass die von ihrem Branchenverband Curafutura verlangten Qualitätsstandards bei der Beratung eingehalten würden. Zudem sei wichtig, so Helsana-Sprecher Stefan Heini, dass nicht nur die Anrechnung der Provision an das Beraterhonorar transparent auswiesen werde: «Die Kunden müssen über sämtliche Entschädigungen informiert werden, welche die IGSV erhält.»