Nach seinem vom Konzept her ähnlichen Buch zu den Reichen in der Schweiz haben der Basler Soziologieprofessor Ueli Mäder und seine vier Co-Autoren zu einem neuen Rundumschlag ausgeholt. In einem ersten Teil setzt er sich exemplarisch mit dem Einfluss von Finanzinstituten, Firmen, Verbänden, Denkfabriken, politischen Einrichtungen, der staatlichen Verwaltung auseinander. 200 Gespräche, zum Teil in Interviewform, verleihen dem Buch authentischen Zeitzeugen-Charakter.

Das hat durchaus etwas Zufälliges: Nicht alle wollten, dass ihre Aussagen gedruckt würden, viele lehnten Interviews überhaupt ab. So gesehen sind die 200 Gespräche eine stattliche Zahl.

Knackige Aussagen

Die knackigsten Aussagen kommen naturgemäss von denjenigen Personen, die pensioniert sind und mit ihrer Vergangenheit gebrochen haben: Roland Rasi (ehemaliger Generaldirektor des Bankvereins), der sich dezidiert für die Aufhebung des Bankgeheimnisses aussprach, alt Bundesrätin Elisabeth Kopp, die man plötzlich von einer anderen Seite kennen lernt, oder der Börsianer Andreas Cabalzar, der ausstieg und heute Pfarrer in Erlenbach ZH ist ... Oder Patrice Baumann aus Liestal, bei dem die Karriere umgekehrt verlief: Theologe, Banker, dann wieder kirchliche Tätigkeiten. Manchmal klingen die Zitate abenteuerlich: «Banken sind Hybride.

Sie sind weder privatwirtschaftlich dem Markt ausgesetzt noch einer demokratischen Kontrolle verpflichtet», gibt etwa der ehemalige Volksbank-Chef Dagobert Kuster (Basel) zu Protokoll.

Attraktiver Mix

Christoph Blocher, Heinz Karrer, Brigadier Daniel Lätsch werden befragt, ebenso wie der in diesem Jahr zurückgetretene Bundesanwalt Adrian Ettwein. Dieser Mix von persönlichen Äusserungen und soziologischen Analysen der Machtstrukturen von Verbänden, Organisationen und Firmen macht den Reiz dieses 500-seitigen Werkes aus.

Vier Fallstudien vertiefen separate Themen.

Peter Streckeisen und Gian Trepp widmen sich der Nationalbank und der Finanzmarktaufsicht Finma. Erstere eine ehrwürdige Organisation mit langer Geschichte, die Zweite eine neue, nüchterne Kontrollinstanz, die aus der Bankenkommission hervorging.

Seit der Bindung des Frankens an den Euro, und noch mehr nach der Aufhebung dieser Bindung, wurde allen die Macht der Nationalbank bewusst. Und es stellt sich in diesem Zusammenhang einmal mehr die Frage nach der politischen Unabhängigkeit dieser Institution. Denn bereits werden wieder Stimmen laut, den Franken an den Euro zu binden. Trepp beschreibt, warum diese Bindung nicht «gratis» zu haben ist.

Neue Ämter

Macht, das bedeute auch, dass die Organisation, in diesem Fall der Staat, plötzlich ein neues Instrument brauche. Als beispielsweise der Steuerkonflikt mit den USA eskalierte, wurde das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen ins Leben gerufen.

Eines der grossen Rätsel kann auch Mäder nicht lösen: Warum vertreten Menschen Interessen, die ihren eigenen zuwiderlaufen? Er argumentiert psychologisch und vermutet, dass machtlose Menschen nicht gerne daran erinnert werden, dass sie machtlos sind.

Ganga Jey Aratnam führt uns in die eigentümliche Welt des Rohstoffhandels ein. Er ist besonders in Zug und Genf von Bedeutung. Erst seit dem Börsengang der Firma Glencore sind die Scheinwerfer auf diese sonst völlig verschwiegene Branche gerichtet.

Markus Bossert richtet seinen Blick auf den Schweizerischen Gewerbeverband. Ein Sonderfall: Rein organisatorisch ist der Verband mit nur 24 Angestellten ein Winzling. Aber er hat eine grosse Reichweite, hat politisches (rechtsbürgerliches) Gewicht, vertritt kleine Firmen und immer mehr auch mittelgrosse. Diese stellen bekanntlich das Rückgrat der schweizerischen Industrie dar.