Der Ärger war gross. Spitäler und Krankenversicherer nervten sich über die dogmatische Haltung des Bundes. Der Stein des Anstosses waren Medikamente, die sowohl in kleineren als auch in grossen Packungen erhältlich sind – die grossen aber meist viel günstiger. Diese befinden sich jedoch nicht auf der Liste der kassenpflichtigen Arzneimittel des Bundes.

Haben die Versicherer diese Präparate dennoch vergütet, wurden sie vom zuständigen Bundesamt für Gesundheit zurückgepfiffen. In der Folge lehnten die Kassen die Rückerstattung der Kosten zugunsten der Spitäler ab, was dort für grossen Frust sorgte. «Solche Dinge nerven mich gewaltig», schrieb etwa Enea Martinelli auf seinem Blog. Er ist als Chefapotheker der Spitalgruppe Frutigen, Interlaken und Meiringen direkt betroffen.

Nachdem diese Zeitung und weitere Medien darüber berichtet hatten, setzten sich die verschiedenen Parteien mit dem Bund an einen Tisch. Das Resultat: Die Krankenkassen dürfen Grosspackungen befristet bis zum 30. Juni 2020 wieder vergüten. Dabei handle es sich um eine Übergangslösung, bis die Rückerstattung dieser Packungen definitiv geregelt sei, teilte das Bundesamt am Montag mit.

Wortführer Martinelli zeigt sich auf Anfrage erleichtert. «Ich bin zufrieden, dass der Bund kurzfristig eine Lösung gefunden hat, die für alle Betroffenen akzeptabel ist.» Laut einer Liste des Vereins der Amts- und Spitalapotheker handelt es sich um knapp 600 Packungen.

Zufrieden ist auch der Krankenkassenverband Santésuisse. «Mit der Abgabe von Grosspackungen können Kosten in Millionenhöhe eingespart werden», sagt ein Sprecher. Damit auch in Zukunft stets die günstigsten Medikamente vergütet werden könnten, fordert Santésuisse ein Antrags- und Beschwerderecht für Krankenversicherer und Patientenorganisationen. Derzeit verhandelt der Bund mit der Pharmaindustrie, ohne dass die Kassen dabei mitreden können. Bislang wurde das Anliegen der Versicherer von der Politik nicht aufgenommen.

Bundesamt fährt Slalom

Enea Martinelli fragt sich, wieso es öffentlichen Druck brauchte, bis das Bundesamt für Gesundheit zur Tat schritt. Im Rahmen der Bemühungen, die Kosten zu dämpfen, lege das Bundesamt bei seinen Prüfungen bei den Kassen einen stärkeren Fokus auf die Rechnungskontrolle, sagte ein Sprecher Anfang Jahr. Damit begründete die Behörde, weshalb sie die Rückerstattung der günstigeren Grosspackungen durch die Kassen unterband.

Auf Nachfrage der Online-Zeitung «Infosperber» sagte das Bundesamt, die langjährige rechtswidrige Praxis der Krankenversicherer sei lange nicht aufgefallen. Erst als das Amt die Prüfungen vor Ort verschärft habe, sei man eingeschritten. Laut Visana habe die Behörde die Krankenkasse allerdings bereits vor neun Jahren angewiesen, die Kosten der Grosspackungen nicht mehr zu vergüten. In den letzten neun Jahren habe es das Bundesamt versäumt, Grosspackungen zu «legalisieren», obwohl das Gesetz eine Versorgung zu möglichst günstigen Kosten vorschreibe, so die Schlussfolgerung von «Infosperber».

Immerhin hat das Bundesamt nun eine Lösung gefunden. Nach mehreren Sitzungen mit Spitälern, Apothekern, Pharmaindustrie und Krankenkassen haben sich die Player gefunden. Die Treffen seien konstruktiv verlaufen, wie zu hören ist. Nun wartet jedoch viel Arbeit auf den Bund. Er will die knapp 600 Packungen innert Jahresfrist auf die Liste der kassenpflichtigen Medikamente aufnehmen. Dabei ist das Bundesamt aufgrund der Preisüberprüfung bestehender Arzneimittel und neuer, sehr teurer Therapien bereits stark gefordert.