Jill Abramson ist eine kleine, beinahe zierliche Frau, sie wirkt sympathisch zurückhaltend - doch ihre Worte kann die Chefredaktorin der «New York Times» mit Überzeugung vortragen. «Unser Journalismus ist von einer Qualität, die sonst nirgends erhältlich ist», umschrieb Abramson am 2. Swiss Media Forum in Luzern das Erfolgsrezept ihrer Zeitung.

Die «New York Times», der die 58-Jährige seit etwas mehr als einem halben Jahr vorsteht, gilt als eine der global wichtigsten Zeitungsmarken. Und sie nimmt auch in der digitalen Welt eine Vorreiterolle ein. Schon früh begannen die Medienmacher in der US-Metropole mit digitalen Technologien zu experimentieren.

Das Internet-Portal, so Abramson, sei heute gleich wichtig wie die gedruckte Zeitung. Print- und Onlinejournalisten arbeiten in einem gemeinsamen Newsroom, auch exklusive Storys werden nach dem Prinzip «online first» vorab im Netz veröffentlicht. Social Media wie Twitter und Facebook gewinnen an Bedeutung, ebenso die visuelle Umsetzung von Geschichten mit Videofilmen.

Entgegen der landläufigen Meinung, der Online-Journalismus sei qualitativ schlechter, als jener in der gedruckten Zeitung, ist Abramson überzeugt: «Multimedia hilft uns, unsere Storys zu vertiefen.»

Das Dilemma

Doch die schöne neue digitale Medienwelt hat ihre Tücken. Auch hierzulande kann sich heutzutage kaum ein Medienunternehmen mehr leisten, nicht im Internet präsent zu sein. Allerdings kann es sich auch kaum eines leisten, präsent zu sein.

Online-Portale kosten Geld, und da die meisten von ihnen gratis zugänlich sind, kommt nur wenig davon wieder rein. Über Werbung alleine können sich nur die wenigsten Angebote finanzieren. Fieberhaft wird in der Branche deshalb nach neuen Ertragsmodellen gesucht.

Die «New York Times» ist auch hier eine Art Pionier. Im vergangenen Jahr hat Abramson eine so genannte Paywall lanciert. Die Nutzer des Online-Portals der «Times» können heute nur noch zehn Artikel pro Monat gratis lesen. Wer mehr will, muss bezahlen. Das Modell aus den Staaten findet auch Nachahmer in der Schweiz. Die NZZ hat kürzlich angekündigt, dass sie ein ebenfalls eine Bezahlschranke nach dem New Yorker Vorbild um ihr Online-Portal hochziehen will. Voraussichtlich im Herbst werden die Nutzer zur Kasse gebeten. «Ich habe keine Ahnung, ob es funktioniert, aber wir müssen es einfach versuchen», sagte Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien bei der NZZ am Swiss Media Forum.

Sind die Nutzer bereit?

Die Skepsis, die in Hogenkamps Aussage durchschimmert, ist wohl berechtigt. Die grosse Frage, die sich stellt, ist nämlich, ob die User von bereit dazu sind, Geld auszugeben für etwas, das sie bislang kostenlos erhalten haben. Immerhin: Es gibt positive Signale, auch aus der Schweiz. Das Internet-Portal der Genfer Tageszeitung «Le Temps» ist bereits heute schon nicht mehr kostenlos zugänglich. Und es hat trotz Einführung der Bezahlschranke neue Online-Leserinnen und -Leser hinzugewinnen können, wie die zuständige Verlagsmanagerin Madeleine von Holzen in Luzern ausführte. Auch das Werbevolumen habe nicht abgenommen.

Dennoch werden in viele Medienunternehmen die Diskussionen um die Einführung von Bezahl-Modellen nur zögerlich geführt - auch bei «Tages-Anzeiger»/Newsnetz, einem der grössten Portale der Schweiz. Dessen Chefredaktor Peter Wälty sagte am Donnerstag, er glaube zwar, dass eine Paywall Chancen haben könnte. «Ich würde aber begrüssen, wenn wir noch etwas zuwarten - und schauen, wie es bei anderen funktioniert.»