Produktion

Medikamente bald wieder swiss made? Pharmafirmen wollen wieder mehr in der Schweiz produzieren

Bei sehr günstigen Medikamenten lohne sich die Herstellung aufgrund der verordneten Preissenkungen irgendwann nicht mehr, klagen Schweizer Pharmafirmen. (Bild: Imago)

Bei sehr günstigen Medikamenten lohne sich die Herstellung aufgrund der verordneten Preissenkungen irgendwann nicht mehr, klagen Schweizer Pharmafirmen. (Bild: Imago)

In der Coronakrise wurden mehrere Arzneimittel knapp. Kleinere Pharmaunternehmen wollen ihre Rolle als Hersteller hierzulande auszubauen. Ob sich das lohnt, ist umstritten.

Der Engpass an Medikamenten war schon vor der Coronakrise akut. Mit der Pandemie hat sich das Problem in der Schweiz noch verschärft. Knapp wurde etwa ein Mittel, das auf Intensivstationen zum Intubieren von schwererkrankten Patienten benötigt wurde. Doch es traf auch weitverbreitete Medikamente wie das Schmerzmittel Paracetamol. Wie bei den Nahrungsmitteln kam es auch hier zu Hamsterkäufen. Der Bundesrat limitierte die Abgabe diverser Medikamente auf eine Packung.

Die Entwicklung führt die Abhängigkeit von Ländern wie China und Indien vor Augen. Insbesondere die Inhaltsstoffe vieler Medikamente stammen von dort. Bei den Antibiotika etwa stellt China über 80 Prozent der globalen Wirkstoffmengen her. Deshalb ertönt in vielen Ländern der Ruf, die Produktion wichtiger Medikamente nach Europa zurückzuholen. Meist geht es dabei um Generika und günstiger Arzneimittel ohne Patentschutz. Auch in der Schweiz haben Parlamentarier verschiedene Vorstösse zum Thema eingereicht.

Der Schweiz-Chef von Novartis zweifelt

In der Schweiz bringen sich nun kleinere und mittlere Pharmaunternehmen ins Spiel. Sie seien «ausdrücklich» bereit, ihre Rolle als Produzenten auszubauen, um die Abhängigkeit von Lieferstaaten in Asien so weit als möglich zu reduzieren. Dies schreiben sechs Firmen, die sich zur IG Schweizer Pharma KMU zusammengeschlossen haben, in einem Brief an das Parlament und den Bundesrat. Darunter befinden sich etwa der Generikahersteller Streuli oder Drossapharm aus Basel.

«Wir begrüssen es sehr, dass das Thema Versorgungssicherheit nun auch von der Politik aufgegriffen wird», sagt Ambros Lutz, Geschäftsführer von Drossapharm stellvertretend für die IG. Infrage kämen sowohl Medikamente für den Akutfall im Spital als auch Arzneimittel gegen chronische Krankheiten, die wieder vermehrt hier hergestellt werden könnten. Für den Akutfall nennt Lutz etwa Antibiotika, Schmerz- und Blutgerinnungsmittel oder Opiate. Bei chronischen Fällen wären etwa Blutdrucksenker oder Präparate gegen Depressionen oder epileptische Anfälle denkbar.

Viele Schweizer Firmen produzierten solche Medikamente bereits jetzt, sagt Lutz. Diese Kapazitäten liessen sich ausbauen, wie sich jetzt gerade in der ­Coronakrise gezeigt habe. «Es liegt jedoch nicht an uns zu entscheiden, welche Medikamente in der Schweiz hergestellt werden», sagt Lutz. Dies müssten Fachspezialisten und die Politik entscheiden.

Jedoch bestehen selbst innerhalb der Branche Zweifel. «Zu meinen, eine Generikaproduktion so einfach in die Schweiz zu holen, funktioniert nicht», sagte Novartis-Schweiz-Chef Matthias Leuenberger kürzlich in einem Interview mit Radio SRF. Die Schweiz sei als Markt zu klein, zudem wisse man auch nicht, was man hier genau produzieren wolle. Die Realität sei eine andere, entgegnet Lutz. Es gebe zahlreiche Schweizer Firmen, die hier günstige Medikamente produzierten – sowohl Originale als auch Generika. Natürlich liessen sich damit nicht die gleichen Margen erzielen wie mit neuen Arzneimitteln in der Spitzenmedizin.

Unternehmen klagen über Preissenkungen

Gleichzeitig stellen die kleineren und mittelgrossen Pharmahersteller Forderungen, was den Preis anbelangt. In der Schweiz werden die Medikamentenpreise im Dreijahresrhythmus vom Bundesamt für Gesundheit überprüft und oftmals gesenkt. Vor allem bei sehr günstigen Medikamenten führe dies in gewissen Fällen dazu, dass sich die Herstellung irgendwann nicht mehr lohne, sagt Lutz. Hier sei der Bund gefordert.

Als Beispiel nennt er das Blutverdünnungsmittel Liquemin, das Drossapharm herstellt. Mit dem Präparat werden unter anderem Coronapatienten behandelt, die an die Herz-Lungenmaschine angeschlossen sind. «Aufgrund der Preissenkungen der letzten Jahre kostet uns die Herstellung pro Packung fünf Franken mehr als der Verkaufspreis», sagt Lutz. Bislang habe seine Firma das Mittel weiter produziert, «weil es aus unserer Sicht ein wichtiges Produkt ist.» Das Bundesamt für Gesundheit habe den Antrag auf eine Preiserhöhung abgelehnt.

Zudem fordern die kleinen- und mittelgrossen Pharmafirmen, dass die regulatorischen Bedingungen verbessert werden. So seien etwa die Gebühren für die Anmeldung eines neuen Medikaments bei der Zulassungsbehörde Swissmedic massiv gestiegen, sagt Lutz. Bis Ende 2012 wurden dafür noch 25000 Franken fällig, nun sind es 80000 Franken.

Was es braucht es bei der nächsten Pandemie?

Gesundheitspolitiker reagieren zurückhaltend auf den Vorstoss der Pharmafirmen. «Ich würde es begrüssen, wenn Schweizer Unternehmen, hier wieder mehr Medikamente herstellen», sagt SP-Ständerätin Marina Carobbio. Jedoch könne nicht alles hierzulande hergestellt werden, es brauche eine Zusammenarbeit mit Europa. Was die Forderung nach höheren Preisen anbelangt, ist Carobbio jedoch skeptisch: «Wenn die Medikamentenpreise erhöht werden, um die Produktion in der Schweiz zu fördern, dann müssen das die Konsumenten bezahlen.»

Ähnlich äussert sich auch FDP-Ständerat Damian Müller. «Es stellt sich die Frage, zu welchem Preis wir gewillt sind, wieder mehr Medikamente in der Schweiz herzustellen, ohne zu wissen, was wir bei der nächsten Pandemie genau brauchen.» Schweizer Hersteller müssten Zugang zu anderen, grösseren Märkten haben. So könnten mit anderen Ländern in Europa Abnahmeverträge vereinbart werden. Dabei müssten sich diese verpflichten, gewisse Mengen an Medikamenten in der Schweiz zu kaufen, damit die Produktion annähernd kostendeckend sei. Gleichzeitig müssten aber auch die Lagerbestände des Bundes und der Kantone ausgeweitet werden.

Der Ständerat hat dazu während der ausserordentlichen Session eine Motion seiner Gesundheitskommission überwiesen. Der Bundesrat empfiehlt den Vorstoss zur Annahme. Er stellt einen Bericht in Aussicht, der sich mit den Schwierigkeiten der Versorgung mit wichtigen Medikamenten befasst. Wegen der Coronakrise werde der Bericht erst im Herbst fertig sein.

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