Er hat ganz unten als Bauernbub aus ärmlichen Verhältnissen angefangen und sich als Bäcker hinaufgeschafft bis zum millionenschweren Gipfeli-König, wie Fredy Hiestand landesweit genannt wird. Diese einzigartige Karriere wird nun in einer Biografie nachgezeichnet. Bei der Lektüre wird einem bewusst, was schon fast in Vergessenheit geraten ist: Fredy Hiestand war nicht nur geschäftstüchtig, er hatte immer den Riecher, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Innovation auf den Markt zu bringen.

Vor ziemlich genau 50 Jahren machte Hiestand seine ersten Erfahrungen mit einer eigenen Bäckerei. Im "Talk Täglich" auf Tele M1 sagte er, was sein Antrieb war. Seine Mutter habe ihm immer wieder gesagt: „Aus dir wird eh nichts!“ Er wollte ihr das Gegenteil beweisen - mit Erfolg. 30 Jahre später war Hiestand Geschäftsführer eines weltweit aktiven Konzerns mit über 1500 Mitarbeitern und mehreren Millionen Umsatz.

Ein Unternehmen ist wie Lachs

Den ersten Höhepunkt seiner Bilderbuchkarriere hatte Hiestand im Jahr 1975. Damals belieferte er als erster in der Schweiz Bäckereien mit tiefgefrorenen Gipfeli. Die Kritiker schimpften ihn anfangs «Totengräber der Bäcker», verstummten angesichts der grossen Nachfrage und des Erfolgs aber bald. Die negativen Reaktionen hielten Hiestand nicht von seinen Vorhaben ab: „Das hat mich nur gestärkt. Neid muss man sich auch erst erarbeiten“, sagt er schmunzelnd gegenüber "Talk Täglich"-Moderator Rolf Cavalli.

1988 erfand Hiestand das Frischback-Gipfeli und verhalf den Tankstellen so zum Durchbruch mit Convenience-Backwaren. Es folgte der Laugengipfel: „Am Anfang sah es fürchterlich aus und jetzt ist er ein Klassiker.“ Dann machte er in 90er-Jahren mit dem Schoggigipfeli Furore. Eine neue Maschine erlaubte es erstmals, die Gipfeli mit einer dressierfähigen Schokocreme zu füllen und automatisch abzuwickeln.

Hiestand ist Hobby-Fischer und vergleicht ein gut funktionierendes Unternehmen mit wildem Lachs: „Der Lachs schwimmt gegen den Strom. Nur zwei Prozent kommen am Laichplatz an. Sie werden gefangen oder gefressen. Dafür braucht man Durchhaltewillen und Risikobereitschaft.“ Davon besass (und besitzt) Hiestand genügend: Am Anfang seiner Karriere musste seine zweite Frau ihr Jugendsparheft auflösen – um den Lohn der drei Angestellten bezahlen zu können.

Modernste Anlage im Aargau

Hiestand ist gebürtiger Zürcher, einen Namen machte er sich aber mit seinen Produktionsstätten im Kanton Aargau. So nahm er 1993 in Lupfig die damals modernste vollautomatisierte Gipfelistrasse Europas in Betrieb. Seine Nachfolge-Firma «Fredy’s» wiederum stationierte Hiestand später in Baden.

Aus der Firma, die noch heute seinen Nachnamen trägt, ist Hiestand 2003 ausgeschieden. Vorausgegangen war die Übernahme durch die irische Gesellschaft IAWS. Deren Strategie vertrug sich nicht mehr mit dem Patron der alten Schule. Der Anfang vom Ende war wohl schon der Börsengang 1997. Hiestand nennt diesen rückblickend den grössten Fehler seines Lebens. „Wenns schlecht läuft, kann ein Manager den Hut nehmen und gehen. Ein Eigentümer oder Patron  kann das nicht, er trägt selber das Risiko.“

„Ich will 102 Jahre alt werden“

Heute ist Hiestand 74 Jahre alt, über seine Pension will er nicht nachdenken: „Ich könnte zwar nicht mehr in der Backstube mithelfen, aber neue Ideen haben und neue Sachen entwickeln, das kann ich immer noch.“ Ein neues Projekt ist ein Agrar-Park in Afrika: „Auf rund 100 Hektaren will ich zeigen, dass man mit biologischen Mischkulturen Geld verdienen kann. Das Ziel ist es, dass ich in drei Jahren eigenen Kakao habe.“

Ausserdem pflanzt Hiestand Moringa an. Er schwört auf diese Pflanze: „Deswegen geht es mir so gut. Auch meine Mitarbeiter bekommen jeden Morgen eine Tasse Moringa-Tee.“ Hiestand will 102 Jahre alt werden. Warum? „Weil ich eine junge Frau habe und noch viele Projekte verwirklichen möchte.“

Ballerina Svetlana und der Schweizer Geheimdienst

Nicht nur als Unternehmer war Hiestand aussergewöhnlich. Auch privat führte der Bäcker ein bewegtes Leben. Stellvertretend für viele Geschichten und Anekdoten, wird im Hiestand-Buch das amouröse Abenteuer mit der russischen Ballerina Svetlana beschrieben, die der junge Fredy Hiestand im kommunistischen Moskau der 70er-Jahre kennen lernte. Weil Hiestand schon verheiratet war, beauftragte er einen Bäckerei-Angestellten, die Tänzerin zu heiraten und ihr so ein Leben in der Schweiz zu ermöglichen. „Ich habe mich in sie verliebt“, sagt er. „Meine Frau hat mich damals sogar dabei unterstützt, sie zu holen.“

«Filmreif», wie es in der Biografie heisst, war an der Geschichte, dass sogar der Schweizer Nachrichtendienst auf die geheimnisvolle Ballerina aufmerksam wurde. Grund: Der Bäcker, der sie später heiratete, hatte im Militär ein Früchtebrot entwickelt, das jahrelang haltbar war. Der Nachrichtendienst glaubte offenbar, die Sowjet-Tänzerin sei nur auf das Rezept des Brotes aus.

Die Geschichte ging glimpflich aus: „Svetlana hat noch einige Jahre bei mir im Betrieb gearbeitet. Sie hat Pralinen gemacht.“

Die Biografie: «Gipfelikönig Fredy Hiestand, vom Bauernbub zum Grossbäcker und Gesundheitspionier», von Philipp Gut, Stämpfli-Verlag.

Der ganze Talk mit Fredy Hiestand:

Gipfelikönig Fredy Hiestand – der Talk (August 2017)