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Mit neuen Angeboten zu schnellerem Wachstum: Nestlé will mehr Koffeinkicks

Die Qual der Kapselwahl: Nestlé will mit Nespresso weiter wachsen – und geht dafür neue Wege. Gaetan Bally/Keystone

Die Qual der Kapselwahl: Nestlé will mit Nespresso weiter wachsen – und geht dafür neue Wege. Gaetan Bally/Keystone

Der Nahrungsmittel-Konzern testet Nespresso-Automaten neu bei Manor – und flirtet mit einer Kultmarke.

Der Kaffee ist das eine, das Image das andere: Nespresso hat es mit seinem Marketing und edlen Boutiquen über Jahre hinweg geschafft, dass sich die Kunden als VIPs fühlen – auch wenn sie nur Kapseln für 50 Rappen pro Stück kaufen. Nespresso – der «Tiffany’s» der Kaffeekapseln. Für den herkömmlichen Detailhandel fühlte sich die Marke bisher zu gut. Denn es galt, das Einkaufserlebnis in Eigenregie zu zelebrieren, damit die Kunden über die saftigen Margen hinwegsehen.

Doch um den Kaffeekapsel-Markt ist längst ein brutaler Wettkampf entbrannt, zahlreiche Nespresso-kompatible Kapsel-Kopien buhlen in den klassischen Supermärkten um die Nespresso-Kundschaft. Und so sehen sich die Waadtländer gezwungen, sich gegenüber neuen Vertriebskanälen zu öffnen – in der Hoffnung, nicht zu sehr von ihrem Premium-Image einzubüssen.

Seit einiger Zeit testet die Blockbuster-Marke des Nahrungsmittelmultis Nestlé sogenannte N-Points, mit Touchscreen und Kreditkarten-Terminal ausgestattete Automaten, in ausgewählten Manor-Warenhäusern, Bäckereien und Cafés. Erhältlich ist das permanente Kapsel-Sortiment, die Bestellung kann vor Ort mitgenommen werden. «Wir befinden uns mit diesem Konzept noch in der Testphase und werden danach entscheiden, ob wir es langfristig im Markt einführen», sagt Nespresso-Sprecherin Sandrine Felder.

In Deutschland bei Media Markt

In Deutschland zählt die Kaffeekapsel-Firma bereits rund 40 N-Points. Dort wurde das System auch entwickelt und 2016 als erstes getestet – mit Erfolg. Unter anderen sind die Automaten in Filialen von Karstadt und Kaufhof installiert sowie bei den Elektronikhändlern Media Markt und Saturn – also keinem wirklichen Premium-Umfeld, wie es sich Nespresso-Kunden gewohnt sind. Laut Sprecherin Felder ermöglichen die N-Points Nespresso-Kunden in ländlichen Gebieten oder in der Agglomeration in der Nähe ihres Wohnortes neue Kapseln zu kaufen, je nach Öffnungszeiten der Partnerbetriebe auch sonntags. Hinzu kommen die 23 Nespresso-Boutiquen in grösseren Städten, 2 davon in den Manor-Warenhäusern Genf und Aarau, sowie die Bestellung via Telefon oder Internet.

In Deutschland geht Nespresso auch online neue Wege. Dort testet die Nestlé-Tochter derzeit den Verkauf auf der als Auktionshaus grossgewordenen Online-Plattform Ebay, wie kürzlich die «Lebensmittelzeitung» berichtete. Hierzulande sei dies vorerst nicht geplant, sagt Felder.

Avancen in Norditalien?

Auch beim klassischen Bohnengeschäft hat Nestlé seinen Kaffee-Durst noch nicht gestillt. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg kürzlich berichtete, buhlen Nestlé und die grosse Kaffee-Konkurrentin JAB um die italienische Kultmarke Illy. Das norditalienische Familienunternehmen aus Triest erzielte zuletzt einen Umsatz von knapp einer halben Milliarde Euro. Nestlé nahm zu den Gerüchten keine Stellung, während Illy Kontakte zwar bestätigt, aber gleichzeitig sagte, dass es dabei nicht um eine Übernahme gehe.

Dennoch: Avancen der Westschweizer an die Adresse der italienischen Premium-Marke würden nicht überraschen. Es wäre ein weiterer Ausbau im Bereich des Röstkaffees. So hat Nestlé erst im Mai das Vertriebsgeschäft von Starbucks-Kaffee für mehr als 7 Milliarden Dollar erworben. Laut der «Lebensmittelzeitung» würde der Erwerb von Illy wohl 1,2 bis 1,7 Milliarden Euro kosten.

Nestlé ist auf jeden Fall auf gutem Weg, seine Kriegskasse zu füllen, wie die Zahlen im ersten Halbjahr 2018 zeigen, die CEO Mark Schneider gestern vorstellte. Der Nahrungsmittelmulti konnte schneller wachsen, als es die Analysten erwartet hatten. Vor allem die Geschäfte in den USA und China sowie die Umsätze mit Säuglingsnahrung trugen zum guten Ergebnis bei. Unter dem Strich resultierten ein organisches Wachstum von 2,8 Prozent und ein Umsatz von 43,9 Milliarden Franken. Der Gewinn stieg dank Sondereffekten gar um einen Fünftel. Bis Ende Jahr rechnet CEO Schneider mit noch mehr Wachstum.

Der Deutsch-Amerikaner betont, dass «substanzielle Kostensenkungsmassnahmen» eingeleitet wurden, insbesondere in Europa und in der Konzernzentrale. Trotz der hohen Restrukturierungskosten stieg der Reingewinn, auch dank einigen Sondereffekten, um knapp einen Fünftel auf 5,83 Milliarden. Die Zahlen gaben der Nestlé-Aktie einen Kick – auch ohne Koffein.

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