Nun ist die Drohung Realität. An der Bilanzmedienkonferenz im März hatte Nestlés Europa-Chef Marco Settembri im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» gesagt: «Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben, überall, auch in der Schweiz. Dazu gehört es, regelmässig die Kosten zu überprüfen.» Das hat der Konzern getan und gestern eine Restrukturierung des IT-Bereichs bekannt gegeben. Die Realität sieht so aus: 500 Stellen fallen in den nächsten 18 Monaten im Kanton Waadt weg. 80 weitere Stellen werden zudem am Hauptsitz von Nespresso in Lausanne gestrichen.

Die Massnahme trägt die Handschrift von Mark Schneider. Seit der Deutsch-Amerikaner 2017 den CEO-Posten übernommen hat, greift der ehemalige Pharma-Manager radikal durch. Er veräussert traditionsreiche Nestlé-Sparten und kauft Prestige-Firmen für mehrere Milliarden Franken hinzu. Der zuvor eher träge agierende Konzern vom Genfersee ist unter seiner Führung fast nicht mehr wiederzuerkennen.

Sozialpläne sind vorgesehen

Und: Schneider will die Kosten senken. Im Herbst gab er ein milliardenschweres Sparprogramm bekannt, mit dem der Gewinn des Herstellers von Thomy-Senf, Maggi-Suppen und Kitkat-Schokolade gesteigert werden soll. Bis 2020 will der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern die Kosten um bis zu 2,5 Milliarden Franken senken. Die Restrukturierungen mit dem Abbau von 580 Stellen sollen einen Beitrag zur Zielerfüllung liefern.

Auf Nachfrage der «Nordwestschweiz» sagt Nestlé-Sprecher Christoph Meier, mehr als die Hälfte des Abbaus betreffe den Standort Vevey, der Rest Bussigny und Lausanne. Die Angestellten können sich zu den Plänen während einer Konsultationsphase äussern. Danach soll der Abbau in den nächsten 18 Monaten vollzogen werden. «Dort, wo es keine internenLösungen gibt, werden wir selbstverständlich Sozialpläne erarbeiten», sagt Meier.

Nestlé will den IT-Bereich in erster Linie in Spanien konzentrieren. Laut Sprecher Meier habe Spanien den Vorzug erhal- ten, da sich insbesondere Barcelona in den vergangenen Jahren als Hub für neue Computer-Technologien entwickelt habe. «In der Nahrungsmittelbranche spielen Themen wie E-Commerce, Blockchain, Virtual Reality und künstliche Intelligenz zunehmend eine wichtige Rolle», sagt Meier.

Tiefere Löhne in Spanien

Dem Vernehmen nach fehlt es Nestlé in der Schweiz in diesen Bereichen an Fachkräften. Eine Branchenstudie hat kürzlich denn auch ergeben, dass in Westeuropa der IT-Fachkräftemangel nirgends so gross ist wie in der Schweiz. 80 Prozent der befragten Schweizer Firmen gaben an, dass sie «enorme Mühe» haben, erfahrene Fachkräfte zu rekrutieren.

Und der Verband ICT-Berufsbildung Schweiz prognostiziert, dass bis 2024 hierzulande 25 000 Informatiker fehlen. Dennoch dürften auch die günstigeren Anstellungsbedingungen in Spanien mitentscheidend gewesen sein. Denn mit den beiden ETHs in Zürich und Lausanne hat Nestlé zwei hochkarätige Talentschmieden vor der Haustüre. Bei deren Absolventen dürfte ein renommierter Weltkonzern wie Nestlé gute Karten als Arbeitgeber haben.

Bei Nespresso kommt es ebenfalls zu einer Reorganisation, die drei Zentren vorsieht: In Italien soll das Design der Kaffee-Boutiquen entwickelt werden, in Spanien wird der Internethandel abgewickelt und in Portugal wird das Beschaffungswesen geleitet. Am Hauptsitz in Lausanne fallen 80 Administrationsjobs weg. Den Betroffenen werden Stellen im Ausland angeboten. Produziert werden die Kapseln nach wie vor an den drei Fabrikstandorten Orbe VD, Avenches VD und Romont FR.

Der Waadtländer Regierungsrat und Volkswirtschaftsdirektor Philippe Leuba erklärte auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA, er habe bei der Nestlé-Generaldirektion in aller Form um ein Treffen noch in der laufenden Woche ersucht. Er wolle alternative Lösungen ausloten und nicht einfach stillhalten. Es sei ihm gelungen, ausreichende Fristen für die Organisation des Personals zu erzielen.

Knallharter HSG-Absolvent

Die gestrige Abbau-Ankündigung ist insofern ernüchternd, als es bei Schneiders Amtsantritt wenig Grund zur Befürchtung gab, der Heimmarkt könnte Abstriche erfahren. Schliesslich studierte Schneider an der Universität St. Gallen – eine gewisse Verbundenheit zur Schweiz war somit gegeben. Und kurz zuvor eröffnete sein Vorgänger Paul Bulcke ein Nestlé- Museum in Vevey und eine dritte Nes- presso-Produktionsstätte in Romont FR. Die Schweiz wurde jedes Mal als wertvoller Standort gepriesen.

Doch nun zeigt sich: Unter der Führung des HSG-Absolventen Schneider geniesst die Schweiz keinen Sonderstatus. Schneider hatte für den Heimmarkt bisher vor allem eines zu vermelden: Bad News. Vergangenen Sommer gab er bekannt, dass Nestlé die Produktionsstätte in Egerkingen SO mit 190 Stellen schliessen würde. Aus der einstigen Spirig-Fabrik stammen die Daylong-Sonnenschutz-Crèmes.

Im Januar wurde kommuniziert, dass das Chocolate Center for Excellence in Broc FR, welches für Cailler-Innovationen verantwortlich war, ins englische York verlagert wird. Betroffen waren 25 Angestellte. Erst 2009 hatte Nestlé das 25 Millionen Franken teure Center eingeweiht. Und nun also der nächste Schlag.

Nestlé weist darauf hin, dass die Zahl der Angestellten in den letzten fünfzehn Jahren hierzulande von 6700 auf 10 100 angestiegen sei. Und letzte Woche kündigte der Konzern an, seine Forschungsabteilung in Lausanne zu stärken. Das Investitionsvolumen für den Schweizer Markt betrage dieses Jahr 300 Millionen Franken – leicht mehr als im Vorjahr.