Unterbeschäftigung

Neuer Negativrekord: 370'000 Schweizer haben zu wenig Arbeit – die Industrie warnt

Heute im Einsatz – aber morgen? Unterbeschäftigung trifft vor allem Frauen. (Symbolbild: Marcel Bieri/Keystone)

Heute im Einsatz – aber morgen? Unterbeschäftigung trifft vor allem Frauen. (Symbolbild: Marcel Bieri/Keystone)

«Hände weg von der Nationalbank»: Das sagt der Industrieverband Swissmem an die Adresse der Banken. Derweil hat das Wirtschaftswachstum erst begonnen sich zu verlangsamen, doch bereits heute haben rund 370000 Menschen zu wenig Arbeit – vor allem Frauen sind von Unterbeschäftigung betroffen

Der Arbeitsmarkt zeigt erste Anzeichen von Schwäche. Das haben die Frauen bisher stärker zu spüren bekommen als die Männer. Vor allem ihre Pensen haben die Betriebe bisher gekürzt. Bereits sagen wieder ebenso ­viele Frauen, sie hätten zu wenig Arbeit, wie unmittelbar nach dem Frankenschock – und deutlich mehr Frauen als in den Jahren der Finanzkrise.

Der Anstieg bei den Frauen hat die Unterbeschäftigung ­insgesamt auf einen Rekordstand gehoben. Das zeigen Zahlen, die das Bundesamt für ­Statistik diese Woche veröffentlicht hat. Es trifft 7,6 Prozent ­aller Menschen im erwerbs­fähigen Alter. Total sind es 372'000 Menschen.

Bei den Männern dagegen ist kein deutlicher Anstieg zu erkennen. Dieser Gegensatz zu den Frauen ist kaum untersucht. Ein Teil der Erklärung könnten die Anstellungsbedingungen sein, wie Experte Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle KOF mutmasst. Frauen würden öfter ohne fixes Pensum arbeiten: auf Abruf, je nach Bedarf des Betriebs. «Hier fangen die Betriebe eher mit dem Sparen an, wenn die Konjunktur einbricht.»

Die Schwächesignale zeigen: Die Schweiz kann sich dem globalen Abschwung nicht entziehen. Ihr Wirtschaftswachstum wird gebremst von der Schwäche der Eurozone, insbesondere von Deutschland. Das zeigt sich beim Werkplatz. Der Industrie brechen die Bestellungen weg. Diese sind in 15 Monaten um 27 Prozent zurückgegangen. In einer Mitteilung bezeichnet der Verband Swissmem den Abschwung diese Woche als «schnell und massiv».

Industrie muss auf Kurzarbeit zurückgreifen

Das hat Folgen für die Industriearbeiter. Für sie hat es nicht mehr genug Arbeit. Den Betrieben fehlt es an Aufträgen. Ihre Auslastung ist bereits deutlich tiefer als vor einem Jahr, wie Swissmem sagt. Zunächst behelfen sich viele Betriebe nun mit Kurzarbeit. Ein deutlicher Anstieg solcher Betriebe sei ­bereits zu erkennen. Zum Abbau von Stellen ist es noch nicht ­gekommen. Wenn der Abschwung nach dem üblichen Muster abläuft, ist ein Stellen­abbau jedoch nur noch eine ­Frage der Zeit.

In dieser Konstellation kann die Industrie eines überhaupt nicht gebrauchen: eine plötzliche Aufwertung des Frankens. Damit würden ihre Produkte im Ausland auf einen Schlag viel teurer. Dieser Hintergrund erklärt teilweise, warum Swissmem gegen die Banken schiesst. Der Finanzplatz versuche, die Nationalbank zu beeinflussen, damit diese ihren Negativzins aufhebe. Ein solcher Schritt ­werde zu einer Aufwertung des Frankens führen. «Kontraproduktiv» sei darum die Kampagne der Banken und politisch «hochproblematisch».

Nun präzisiert Swissmem ihre Kritik in einem Beitrag in dieser Ausgabe. Unter dem Titel «Hände weg von unserer Nationalbank» erklären Präsident Hans Hess und Chefökonom Jean-Philippe Kohl die Sicht der Industrie. Die Banken würden letztlich die Unabhängigkeit der Nationalbank untergraben. «Das scheinen die Banken völlig zu verkennen. Und das ist gefährlich.» Gleichzeitig wendet sich Swissmem gegen die Gewerkschaften. Deren Initiativprojekt sei ein Versuch, die ­Nationalbank verkommen zu lassen zu einem «Selbstbedienungsladen der Politik».

Gewerkschaftsbund: «Nationalbank als Einnahmequelle für die AHV»

Der Gewerkschaftsbund seinerseits hat sich diese Woche das «Okay» gegeben: Die Nationalbank soll eine «neue Einnahmequelle für die AHV» werden. Die Delegierten haben die Gewerkschaft damit beauftragt, im ­Parlament auf eine politische Mehrheit hinzuarbeiten. Darauf rechnet man sich gewisse Chancen aus, weil es auch auf Seiten der SVP ein Interesse gibt an einer Neuverteilung der Nationalbankgewinne. Sollte man auf diesem Weg scheitern, wird über die Lancierung einer Volksinitiative entschieden.

«Die Nationalbank schreibt so hohe Gewinne wie noch nie, die Bevölkerung verarmt.» So begründet Pierre-Yves Maillard, Chef des Gewerkschaftsbundes, den Vorstoss. Die Nationalbank verfüge heute über ein Eigen­kapital von 170 Milliarden Franken. Maillard sagt in der ­Gewerkschaftszeitung «Work»: «Und dieses Geld investiert die Nationalbank dann in Aktien im Ausland. Das ist doch absurd.» Die Schweiz solle stattdessen lieber das tun, was ihre Verfassung verlange: Den Reingewinn der Nationalbank ans Volk zurückverteilen.

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