Lohnwachstum

Nie stiegen die Löhne weniger – warum die Wende auch im nächsten Jahr auf sich warten lässt

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2019 endet die Dekade mit dem geringsten Lohnzuwachs seit Messbeginn – auch nächstes Jahr bringt keine grosse Wende. Die Hintergründe.

Die Löhne nehmen kaum mehr zu. Einen Zuwachs von mehr als 1 Prozent liegt lange zurück. Zuletzt gab es dergleichen im Jahr 2009. Danach schlug die Finanzkrise auf die Schweiz, später dann die Krise in der Eurozone. Das schwache Lohnwachstum hinterlässt in den Hosensäcken der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nun eine gewisse Leere.

Es gab noch kein Jahrzehnt mit einem schwächeren Lohnzuwachs, seit Beginn der Messung. Das Schweizer Bundesamt für Statistik weist den Lohnindex durchgehend aus zurück bis ins Jahr 1942. Daher kann man noch für das Jahr 1952 schauen gehen: Um wie viel wuchsen die Löhne im zurückliegenden Jahrzehnt? Geht man die Jahre durch, ist der Trend klar: Die Lohnzuwächse werden laufend geringer. 2019 endet nun die bislang schlechteste Dekade.

Wie konnte es zum Lohn-Kriechgang kommen? Immerhin hatte die Schweiz bis vor kurzem Hochkonjunktur. Ein Grund: Die Inflation wird auch immer schwächer. So waren die Preise letztes Jahr gar etwas weniger hoch als zehn Jahre zuvor. Der Landesindex für Konsumentenpreise lag 2018 leicht tiefer als im Jahr 2008. Ein Jahrzehnt mit sinkenden Preisen hat es in der Schweiz seit dem 2. Weltkrieg nie gegeben. Wenn die Teuerung kaum vorhanden ist, geben die Arbeitgeber natürlich keinen Teuerungsausgleich – und die Löhne wachsen weniger an.

Nehmen die Löhne in Wahrheit doch stärker zu?

Ist dann alles halb so schlimm? Sind die Löhne zwar kaum gewachsen, aber dafür können sich die Arbeitnehmer mehr für ihr Geld kaufen? Tatsächlich sieht es besser aus, wird die Kaufkraft berücksichtigt. 2018 konnten die Arbeitnehmer sich immerhin rund 9 Prozent mehr für ihr Geld kaufen als zehn Jahre zuvor. Das ist anscheinend schon das Höchste der Gefühle. Mehr gab es seit Mitte der 80er-Jahre ganz selten.

Dennoch: Am Arbeitsmarkt herrscht keineswegs eitel Freude. Dass die Preise gemäss Statistik sinken, wird im Alltag von den Wenigsten wahrgenommen. Dagegen wird sehr wohl registriert, dass auf dem Lohnausweis seit Jahren schon die mehr oder weniger gleiche Zahl steht. Und dann sind da die Prämien für die Krankenkassen. Um über 30 Prozent sind sie in den letzten zehn Jahren gestiegen. Im Landesindex für Konsumentenpreise sind sie nicht erfasst. Es ist mehr sein als nur Verhandlungstaktik, wenn Gewerkschafter behaupten: Bei ihren Mitgliedern sei die Unzufriedenheit gross.

Wie geht es weiter? Bringt der starke Aufschwung der letzten Jahre eine grosse Lohnwende? Danach sieht es für dieses Jahr nicht mehr aus. 2019 wird ähnlich wie die enttäuschenden beiden Jahre 2017 und 2018. Zur ersten Hälfte 2019 liegen offizielle Zahlen schon vor. Es gibt bloss ein Plus von 0,5 Prozent. Die Ökonomen erwarten: Bis Jahresende bleibt es in etwa dabei. Stattdessen ruhen die Hoffnungen auf nun auf dem Jahr 2020.

Trumps Handelskrieg ist dazwischen gekommen

Die Gewerkschaften stiegen forsch ein in den Lohnherbst. Erhöhungen von 2 Prozent fordert etwa der Gewerkschaftsbund. Sonst gebe es «Aktionen», kündigte die Syna an. Doch diese Woche kam die Prognose der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich KOF: Es werde keine grossen Zuwächse geben. Man rechne mit nur 0,8 Prozent. «Im historischen Vergleich kein grosses Plus.»

Warum wird nichts aus der grossen Lohnwende? Kurz gesagt, funkte Donald Trump dazwischen. Sein Handelskrieg mit China hat die Unsicherheiten im Welthandel vervielfacht. Das zeigt ein Index des Internationalen Währungsfonds. Die Investoren seien sehr besorgt, so die «Financial Times»: Auch die Hilfe der Zentralbanken genüge womöglich nicht, um den Folgen von Trumps Handelskriegs zu begegnen.

Das trifft auf Umwegen den Arbeitsmarkt in der Schweiz. Die Anzeichen für eine negative Trendwende würden sich mehren, so die Konjunkturforschungsstelle KOF. Die Erfahrung zeigt: Verschlechtern sich die wirtschaftlichen Aussichten im Herbst, nehmen die Löhne im Folgejahr nur schwach zu.

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