Migränemittel

Novartis verkracht sich mit Partnerfirma und bangt nun um Milliardenumsätze

Migräne gilt als Volkskrankheit. Allein in der Schweiz leiden rund eine Million Menschen dadurch an Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Sehstörungen.

Migräne gilt als Volkskrankheit. Allein in der Schweiz leiden rund eine Million Menschen dadurch an Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Sehstörungen.

Der Pharmakonzern hoffte auf hohe Umsätze dank eines Migränemittels. Ein Gerichtsfall könnte dies platzen lassen.

Allein in der Schweiz leiden rund eine Million Menschen an Migräne. Seit Jahren warten die Betroffenen auf neuere, wirksamere Medikamente. Der US-Biotechkonzern Amgen hat mit Novartis ein neues Präparat auf den Markt gebracht, das einmal pro Monat unter die Haut gespritzt werden muss. Laut klinischen Studien reduziert das Medikament namens Aimovig die Migräneanfälle im Schnitt für einen bis zweieinhalb Tage pro Monat. Untersucht wurden Betroffene mit chronischer Migräne. Zunächst wurde das Präparat vor knapp einem Jahr in den USA eingeführt, seit vergangenem Dezember ist es auch in der Schweiz erhältlich. Eine Jahrestherapie kostet knapp 7400 Franken.

Amgen hat das Mittel entwickelt, Novartis vermarktet es für den US-Konzern ausserhalb der USA und Japan. Zwar sind die beiden Firmen nicht die Einzigen, die derzeit ein neues Migräne-Mittel lancieren, sie waren jedoch die Ersten. Laut Schätzungen dürfte das Präparat dereinst zwischen 1 und 2 Milliarden Dollar pro Jahr einspielen.

Es geht also um viel Geld. Doch nun haben sich die beiden Konzerne verkracht, wie vergangene Woche bekannt wurde. Amgen wirft Novartis vor, den Vertrag, den die beiden Unternehmen geschlossen haben, gebrochen zu haben. Amgen will daher die Zusammenarbeit mit Novartis kündigen. Die Basler wiederum wollen dies verhindern und klagen vor einem New Yorker Gericht. Dokumente, welche die Anwälte kürzlich eingereicht haben, offenbaren brisante Details des Falls: Novartis hat seit Beginn der Zusammenarbeit 870 Millionen Dollar in die Lancierung des Migränemittels investiert. Würde Amgen nun vor Gericht gewinnen, wäre dieses Geld verloren, argumentiert Novartis.

Amgen wiederum wirft Novartis vor, hinter dem Rücken des US-Biotechkonzerns einer anderen Pharmafirma bei der Herstellung eines ähnlichen Migränemittels geholfen zu haben. Novartis sei damit vertragsbrüchig geworden, weshalb der Vertrag mit Novartis gekündet werden könne.

Von nichts gewusst?

Ein Blick zurück: Amgen und Novartis gingen ihre Partnerschaft im August 2015 ein. Drei Monate zuvor schloss die Novartis-Tochter Sandoz in Österreich einen Vertrag mit der US-Pharmafirma Alder. Dabei liefert Sandoz dem USUnternehmen den Wirkstoff für die Herstellung eines Migränemittels. Dies ist äusserst brisant, da das Präparat von Alder und jenes von Amgen zur gleichen Klasse von Medikamenten gehören.

Im Vertrag zwischen Amgen und Novartis hielten die beiden Konzerne explizit fest, dass sie nicht gleichzeitig an einem anderen Migränemittel der gleichen Wirkstoffklasse arbeiten dürfen. Letzten September informierte Novartis den Partner Amgen über die Zusammenarbeit mit der Firma Alder. Novartis hält fest, erst drei Monate zuvor intern vom Vertrag der eigenen Tochter Sandoz mit Alder erfahren zu haben.

Amgen dagegen behauptet, Novartis habe seit Beginn vom Deal gewusst, also bereits seit Mai 2015. Schliesslich sei die Produktionsabteilung der Basler sowohl für die Pharmadivision als auch für die Tochter Sandoz zuständig. Fakt ist, dass Novartis seit Sommer 2016 eine zentrale Produktionseinheit für alle Sparten unterhält.

Novartis sieht dagegen keine Vertragsverletzung. Das Präparat der Firma Alder werde erst als viertes unter den neuen Migränemitteln auf den Markt kommen. Zudem habe es einen anderen Wirkmechanismus, weshalb es nicht vollständig mit dem Amgen-Medikament konkurrenzieren werde.

Vertrag läuft weiter

Die beiden Konzerne streiten sich zudem darüber, ob die Vertragsverletzung durch Novartis wieder behoben werden kann. So habe Novartis die Zusammenarbeit mit Alder Anfang Jahr beendet, womit der Vertragsbruch rückgängig gemacht worden sei. Amgen dagegen argumentiert, die Partnerschaft zwischen Alder und Novartis gehe weiter. Tatsächlich läuft der Vertrag der beiden Unternehmen bis Ende 2023, wie das öffentlich einsehbare Dokument zeigt. Zudem wurde die Klausel gestrichen, wonach beide Firmen den Vertrag künden können. Dieses Recht hat nur noch Alder.

Novartis bestreitet diesen Sachverhalt nicht. Die Vereinbarung zwischen der Tochter Sandoz und Alder bestehe länger als die Zusammenarbeit mit Amgen. In der Zwischenzeit habe Novartis den Vertrag mit Alder angepasst, um aus dem Vertrag auszusteigen.

Wer Recht behält, wird das Gericht entscheiden. Für Novartis geht es neben den 870 Millionen Dollar um die Umsätze aus dem Verkauf des Migränemittels. Auch wenn Novartis Lizenzgebühren an Amgen abgeben muss, so würden den Baslern über die Jahre mehrere Milliarden entgehen. Novartis-Chef Vas Narasimhan gab sich bereits letztes Jahr hoffnungsvoll. Er sei positiv überrascht von der Nachfrage nach dem Medikament in den USA. Diese sei beispiellos gewesen, was ein gutes Vorzeichen für die Lancierung in Europa sei.

Sollte Amgen gewinnen, könnte es möglicherweise zu einem Lieferunterbruch kommen. Die Amerikaner müssten einen Vertriebspartner suchen oder die Vermarktung selber übernehmen.

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