Oliver Hewer

Riesenschwindel: So dreist geht eine Adressbuch-Bande vor

Patrick O. Hewer will nicht «Adressbuchbetrüger» genannt werden. Er ging deshalb gegen einen Solothurner Lehrer vor Gericht - und verlor. Recherchen von AZ zeigen: Der Schwindler verdient sein Geld seit Jahren mit irreführenden Branchenbüchern.

Der gebürtige Deutsche Patrick O. Hewer (40) betreibt so genannten «Adressbuchschwindel»: Seit Jahren verschickt er von der Schweiz aus vornehmlich an deutsche Unternehmen irreführende Formulare für einen Eintrag in verschiedene Adressbücher. Dabei täuscht er geschickt vor, die Einträge seien gratis.

Im Kleingedruckten versteckt sich dann die Hauptsache: Das Formular ist eigentlich ein «Vertrag». Dazu kostet er horrende 1000 Franken für zwei Jahre und ist im Vergleich mit seriösen Branchenverzeichnissen völlig überrissen. Weigern sich die Geneppten zu zahlen, droht ihnen Patrick Oliver Hewer frech mit Klagen.

«Rechtsmissbrauch als Geschäftsidee»

Einem Solothurner Lehrer warf Hewer vor, ihn im Internet zu verunglimpfen. Er verklagte ihn und wollte ihm verbieten, Begriffe wie «Adressbuchbetrüger» oder «Rechtsmissbrauch als Geschäftsidee» zu gebrauchen.

Hewer verlor auf der ganzen Linie, das Solothurner Obergericht gab dem Lehrer in allen Punkten Recht. Das 14-seitige Urteil liegt der Redaktion a-z vor. Es ist rechtskräftig, wie Hewers Anwalt bestätigte. Gegenüber der «az Aargauer Zeitung» wollte Hewer keine Stellung nehmen.

Gegen den Solothurner strengte Hewer zusätzlich ein Verfahren wegen Persönlichkeitsverletzung an. Es ist noch hängig.

Unglaubwürdige Behauptungen

Vor dem Richter liess Patrick Oliver Hewer seinen Anwalt erklären, er halte die Standesregeln des Schweizerischen Adressbuchverbandes SADV ein. Dieser Verband nimmt nur seriöse Adressbuch-Unternehmen auf. Leider könne er dort aber nicht Mitglied werden, weil er sich hauptsächlich in Deutschland geschäftlich betätige.

Die Richter sahen dies allerdings anders und liessen sich von Hewers Argumenten nicht überzeugen. Das Solothurner Obergericht stützte sich bei der Beurteilung der Klage auch auf einen wegweisenden Entscheid des Bundesgerichts von 2007. Es hat den Begriff «Adressbuchmafia» in einem ähnlichen Fall für nicht unnötig verletzend befunden.

Thurgau als Hinterhof für Millionen-Abzocke

Recherchen von «az Aargauer Zeitung» zeigen: Hewer ist seit Jahren mit seinen Formularen unterwegs. Die Schweiz nutzt er seit mindestens 2006 als Rückzugsgebiet für die Gaunereien in Deutschland. In Sichtweite des deutschen Rheinufers schlug er im thurgauischen Ermatingen seine Zelte auf, jetzt hat er sich im Nachbardorf ein schickes Haus gekauft.

Von dort betreibt er mit seinen ebenfalls im Thurgau lebenden deutschen Kumpanen Doris Fraccalvieri (42) und Albert Grünbeck (47) Unternehmen, die sich vor allem auf eins spezialisieren: Adressbuchschwindel im grossen Stil. Drei der Unternehmen stehen in Kreuzlingen, gleich an der deutschen Grenze.

Offenbar brummt der Laden: In einem dritten Gerichtsverfahren, das Hewer ebenfalls anstrengte, beklagte er sich über einen Schaden von «mindestens 600 000 Euro», der ihm durch die Enthüllungen im Internet entstanden sei.

«tagesanzeiger.de» reserviert

Neben Solothurn und dem Thurgau hat es Hewer auch Zürich angetan. So betreibt eine seiner Firmen die Webseite Zuerichinfo.com. Um dem Auftritt einen offiziellen Anstrich zu geben, peppte man die Seite dreist mit dem stilisierten Wappen der Stadt Zürich auf - das dürfen nur öffentliche Ämter.

Auch sonst scheint Hewers Umfeld das Spiel mit dem Feuer zu lieben. Es reservierte die Domain tagesanzeiger.de. Klagte Tamedia auf Herausgabe des Namens, würden für Hewers Kumpel auch dort die Chancen auf Erfolg schlecht stehen, wie diverse internationale Urteile zum Thema Domain-Markenschutz zeigen.

Mehr: Bundesgerichtsentscheid 2007

Mehr: Broschüre Adressbuchschwindel des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco)

Mehr: Ehrenkodex des Schweizer Adressbuch- und Datenbankverleger-Verband SADV

Mehr: Deutscher Schutzverband gegen Wirtschaftskriminalität (DSW)

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