Rohstoffe
Weltweite Lieferengpässe – 7 Gründe dafür und welche Produkte betroffen sind

Die Wartezeiten für viele Güter wie Velos, Holzmöbel oder auch technische Geräte sind derzeit sehr lange. Dafür verantwortlich ist ein Rohstoff-Engpass. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Patrick Toggweiler/watson.ch
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Lieferprobleme bei Spielkonsolen. Lieferprobleme bei Waschmaschinen, Druckern, Laptops, Schuhen, Kleidern, WLAN-Routern, Kühlschränken, Rasenmähern – sogar beim Sexspielzeug stottert der Nachschub. Wer heute in der Schweiz ein massgefertigtes Velo bestellt, wartet unter Umständen zwei Jahre auf die Auslieferung. Ähnlich geduldig müssen sich Autokäufer zeigen. Wer einen Audi e-Tron GT oder gar die RS-Version bestellt, dreht 15 Monate lang statt Runden Däumchen. Auch bei Mercedes dauert es 10 Monate, bis ein bestellter EQC ausgeliefert wird.

Bei Audi sind derzeit Arbeiter der Werke Ingoldstadt und Neckarsulm in Kurzarbeit, Opel das Werk Eisenach bis Ende des Jahres. Von Werkurlaub und Kurzarbeit ist auch das Ford-Werk Saarlouis* betroffen. Ebenfalls weniger produziert Stellantis (Fiat, Citroën, Peugeot, Alfa Romeo). Haushaltsgeräte-Hersteller Miele muss die Produktion im Waschmaschinenwerk Gütersloh reduzieren. Auch dort heisst es Kurzarbeit.

*Korrektur: In einer früheren Version stand hier, das Werk Saarlouis schliesse bis Mitte Februar. Das ist nach heutigem Stand der Informationen nicht korrekt.

Die Auto- und Elektronikhersteller leiden vor allem an der Halbleiterknappheit. Doch es mangelt nicht nur an den Chips. Stahl, Aluminium und Kupfer sind ebenfalls Mangelware und dementsprechend teurer geworden. Genauso wie Holz vor ein paar Monaten.

Laut einer Umfrage des ifo-Instituts hinken vier von fünf Elektronikhersteller in Deutschland der Produktion hinterher. Deshalb raten hierzulande bereits erste Detailhändler ihren Kunden, die Weihnachtseinkäufe frühzeitig zu tätigen. Nicht nur Spielkonsolen könnten bereits lange vor Weihnachten ausverkauft sein.

Die weltweite Güterversorgung stockt. Eine Entspannung der Lage ist keine Frage von Tagen, sondern eine von Wochen und Monaten – vielleicht von sogar Jahren. Hans-Peter Obermark vom Verband des Deutschen Zweiradhandels schätzt, dass sich der Velomarkt erst 2024 wieder normalisiert.

Dass es so lange dauert, hat damit zu tun, dass gleichzeitig mehrere Faktoren aufeinanderprallen.

1. Einschränkung der Produktion aufgrund von Corona

Viele Hersteller in Asien mussten aufgrund von Pandemie-Massnahmen ihre Produktion drosseln oder gar einstellen. In extremen Fällen kam es gar zu finalen Fabrikschliessungen. Davon betroffen sind sämtliche Sektoren, vom taiwanesischen Elektronikzulieferer bis zur vietnamesischen Sportschuhfabrik.

2. Transportprobleme aufgrund von Corona

Die Kwai-Tsing-Terminals des Hafens von Hong-Kong. Der Güterumsatz nahm hier im vierten Quartal 2021 im Vergleich zu 2019 um 9,5 Prozent ab.

Die Kwai-Tsing-Terminals des Hafens von Hong-Kong. Der Güterumsatz nahm hier im vierten Quartal 2021 im Vergleich zu 2019 um 9,5 Prozent ab.

Keystone

Die chinesischen Behörden machten bei den Corona-Massnahmen auch für die Frachthäfen keine Ausnahme. So stand der Betrieb des drittgrössten Containerhafens der Welt in Yantian für eine Woche komplett still, bevor er langsam wieder hochgefahren wurde. Im August kam es in Chinas zweitgrösstem Güterhafen zu einem Coronaausbruch, was zu einer weitgehenden Schliessung führte.

3. Corona-bedingte Konsumschwankungen

Laptops, Drucker, Kameras, Mikrofone, Bildschirme: Büro- und Unterhaltungselektronik erfuhren aufgrund des Home-Office-Booms eine Nachfragesteigerung. Ihr Absatz stieg während der Pandemie stark an.

Gegenteiliges erfuhr die Autoindustrie. Die Bestellungen gingen markant zurück – und nehmen jetzt umso rasanter wieder zu. Dies überfordert die Hersteller.

4. Missmanagement

Diverse Autohersteller reduzierten aufgrund der Auftragsrückgänge die Bestellung von Halbleitern. Für die freigewordenen Kontingente bedankte sich die Heim- und Unterhaltungselektronikindustrie. Die Autoindustrie hat nun Mühe, die hergegebenen Kontingente wieder «zurückzuerobern».

5. Chinesische Energiepolitik

Kohlekraftwerk in Nantong, Jiangsu-Provinz.

Kohlekraftwerk in Nantong, Jiangsu-Provinz.

Keystone

China hat sich in Sachen Energie verplant. Zum Beispiel mit Handelsstreitigkeiten mit Australien. Jetzt wird die Kohle knapp – China setzt noch immer zu über 50 Prozent auf Kohlestrom. Der Engpass hat dazu geführt, dass an diversen Orten der Strom rationiert werden muss. Betroffen sind sämtliche Industrien – und laut Schätzungen 44% aller Industriebetriebe. Produziert wird nur mit angezogener Handbremse – was wiederum die Angebote verknappt. Zu den prominentesten Opfern von Chinas Energie-Krise gehören zum Beispiel die Apple-Zulieferer Unimicron, Concraft und auch Foxconn, aber auch Tesla-Vertragspartner, wie die japanische Zeitung Nikkei und Al-Jazeera berichteten.

6. Trumps China-Politik

Ex-Präsident Trump fuhr gegenüber China einen harten Kurs. Das hat Auswirkungen für den Welthandel. Huawei hat nur noch beschränkten Zugang zu Chips, die auf amerikanischer Technologie basieren. Dasselbe gilt für den Auto-Zulieferer SMIC. Entsprechend entstehen Engpässe, die sich weiter ausweiten können.

7. Holz: Käfer in Kanada

Die Holznachfrage stieg während der Pandemie auf ein unerreichtes Niveau. Vor allem in Nordamerika, wo die Heimwerker plötzlich Zeit für Renovations- und Bauarbeiten fanden. Gleichzeitig wüteten in Kalifornien enorme Brände – und der Bergkiefernkäfer in Kanadas Wäldern. Seit fünf Jahren geht aufgrund des kleinen Fieslings dort die Holzernte zurück. Früher war British Columbia für 15 Prozent der Bauholzimporte der USA zuständig. Heute sind es unter 10 Prozent. Deshalb bedienten sich amerikanische Importeure vor allem in Europa. Sie boten sich mit chinesischen und indischen Einkäufern einen Bieterkrieg, der den Preis kurzfristig verfünffachen liess.

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