Wir treffen Rudolf Strahm auf dem Gelände der Gewerblich-Industriellen Gewerbeschule (Gibb) in der Berner Lorraine. Wo normalerweise über 7000 Berufsschüler ein- und ausgehen, stehen wegen der Sommerferien verlassene Gebäude da. Der Ex-Preisüberwacher hat selber eine Lehre als Chemielaborant gemacht, ehe er sich nach der Lehrabschlussprüfung zu einem Wirtschaftsstudium entschloss.

Die Berufslehre liegt Ihnen am Herzen, wie Ihr jüngstes Buch beweist. Darin schreiben Sie von einer Akademisierungsfalle. Was meinen Sie damit?

Rudolf Strahm: Viele europäische Länder haben nur vollschulische Ausbildungen an Universitäten und technischen Hochschulen. Gerade diese Länder stecken heute in der Akademisierungsfalle: Es bestehen Maturaquoten von über 50 Prozent. Ausbildung wird dort mit dem Gang an die Uni gleichgesetzt. Auffällig ist aber, dass in solchen Ländern jeder vierte Jugendliche arbeitslos ist. In Südeuropa ist es sogar jeder zweite. Nicht einmal die akademisch Ausgebildeten sind arbeitsmarktfähig. Die Schweiz, Deutschland sowie Österreich bilden einen Grossteil der Jugendlichen praxisnah aus und stehen mit der dualen Berufsbildung viel besser da: Sie haben nicht nur weniger jugendliche Arbeitslose, sondern sind auch konkurrenzfähiger in der Weltwirtschaft.

Warum ist das so?

Weil Polymechaniker, Konstrukteure oder praxisorientierte Informatiker das Wissen der Ingenieure und Akademiker praktisch umsetzen können. Die Besonderheit am dualen Berufsbildungssystem liegt in einer besseren Arbeitsmarktfähigkeit der Ausgebildeten. Sie verfügen über Wissen, kombiniert mit praktischen Fertigkeiten. Länder, in welchen ein solcher Wissenstransfer fehlt, leiden viel stärker an Desindustrialisierung als die Schweiz. Es geht dabei auch um angewandtes Wissen, das die Schule einem nicht weitergeben kann.

Sie nennen das Betriebskultur.

Damit meine ich etwa Zuverlässigkeit, Exaktheit, Pünktlichkeit, soziale Umgangsformen im Team, Präzision bei der Arbeit.

Wozu man natürlich auch das Fluchen auf den Baustellen oder das Biertrinken nach der Arbeit zählen könnte.

Das gehört auch dazu. Aber auch das Krawattentragen eines 17-jährigen KV-Stifts auf einer Bank oder öffentlichen Verwaltung. Die Stärke des Berufsbildungssystems liegt eben gerade darin, dass es an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts angepasst ist. Heute ist keine Berufslehre karrieremässig eine Sackgasse mehr. Dank der Durchlässigkeit. Es gilt das Prinzip: kein Abschluss ohne Anschluss.

Sie waren Preisüberwacher und Politiker. Nun befinden Sie sich auf einer Art Mission im Dienste der Berufslehre.

Irgendwie schon. Das halte ich für die Schweiz für matchentscheidend. Doch ich bin auch Grossvater und habe an der Uni einen Lehrauftrag für angehende Berufsberater.

Steht die Berufslehre denn überhaupt unter Druck?

Bis heute, ja. 1995 war die Berufslehre prestigemässig an ihrem Tiefpunkt. Die OECD anerkannte damals die Berufslehre nicht einmal als Ausbildung. Das war auch die Zeit, in der Erziehungsdirektoren forderten, die Berufsbildung mit den Gymnasien zusammenzulegen. Das hätte für das duale Berufsbildungssystem den Tod bedeutet. Glücklicherweise steht die Berufslehre heute wieder besser da. Gerade auch, weil wir zu erkennen beginnen, in welchen Problemen Länder ohne Berufslehre wie Frankreich oder Italien stecken.

Dann steckt die Berufslehre hinter dem Erfolgsmodell Schweiz?

Davon bin ich überzeugt. Wir sind nicht reich wegen der Banken und Versicherungen. Klar machen sie einen wichtigen Anteil der Wertschöpfung aus. Wir sind fast unanständig konkurrenzfähig, weil sich unsere Industrie mit hochpreisiger Qualität und Produktivität vor der Überschwemmung durch Billigprodukte aus Asien rettete. Trotz einer der tiefsten Maturaquoten sind wir das innovativste Land.

Wir bilden aber zu wenig Fachkräfte aus. Nur dank der Personenfreizügigkeit mit der EU konnten wir Stellen bequem besetzen. Doch diese steht auf der Kippe wegen der Zuwanderungsinitiative der SVP. Wie geht es weiter?

Die Personenfreizügigkeit nach EU-Modell erlaubte es uns zwar, billig und ohne Aufwand Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren. Auf der anderen Seite deckte sie die Mängel in unserem eigenen Ausbildungssystem zu. Augenscheinlich ist es in den Spitälern. Wir bildeten nur einen Bruchteil der notwendigen Ärzte und des Pflegefachpersonals selber aus. Der Fachkräftemangel ist hausgemacht, die Rekrutierung im Ausland war zu einfach. Sie bedeutet auch eine Benachteiligung der Schweizer Jugendlichen.

Das Medizinstudium ist sehr teuer. Können wir es uns leisten, mehr Ärzte auszubilden?

Wir müssen und wir können. Schliesslich sind wir ein reiches Land. Es geht jetzt darum, eine Steuerung des Bildungssystems an die Hand zu nehmen. Man kann den Unis vorgeben, dass sie nicht nur Spezialärzte, sondern auch Allgemeinpraktiker ausbilden, wie es der Kanton Waadt bereits heute macht.

Dann sehen Sie das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative und die Wiedereinführung von Kontingenten als Chance?

Ich warb nie für ein Ja zur Zuwanderungsinitiative der SVP, aber für flankierende Massnahmen zur Personenfreizügigkeit. Diese ist ein neoliberales Konzept, bei dem es um den freien Handel von Arbeitskräften geht. Sie passt in erster Linie den Arbeitgebern. Meine Optik ist jedoch auch die Wirkung auf den schweizerischen Arbeitnehmer und Arbeitsmarkt.

Sie argumentieren in nationalen Denkmustern.

Nein, ich denke ja nie nur an die Schweizer, sondern auch an die hier lebende Ausländerbevölkerung. Für sie ist die Berufslehre ein wirkungsvolles Integrationsinstrument. Ungelernte Zuwanderer aus Portugal, zum Beispiel, stehen unter einem hohen Risiko, arbeitslos zu werden. Doch bereits deren Kinder brechen aus. Dank der Berufslehre kann auch einer, der nicht perfekt Deutsch spricht, Vorarbeiter werden oder Gruppenleiter. Blicken Sie im Gegensatz dazu nach Frankreich: Die Kinder von Migranten wohnen dort in den Banlieues – ohne Aussicht auf Ausbildung und Jobs.

Sie plädieren in Ihrem Buch für ein sogenanntes Fachkräftemanagement. Was meinen Sie damit?

Die Politik muss steuern, dass mehr Ärzte, Pflegepersonal aber auch mehr Menschen in den sogenannten MINT-Berufen ausgebildet werden; also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

Nicht ganz einfach.

Nein, sicher nicht. Aber drei Mal mehr Schweizer Maturanden möchten Medizin studieren, als Studienplätze angeboten werden. Lassen wir doch jene Medizin studieren, die wollen und halten wir die Ausbildungsplätze nicht künstlich tief mit dem Numerus clausus. Oder, 4000 Jugendliche haben keine Lehrstelle im Pflegebereich gefunden. Dank der Masseneinwanderungsinitiative erkennen nun endlich auch Politiker, dass Handlungsbedarf im Inland besteht.

Dann freuen Sie sich über das Ja zur SVP-Zuwanderungsinitiative?

Ich freue mich nicht über das Ja, aber mit einiger Genugtuung beobachte ich, dass man sich endlich um die hausgemachten Ausbildungsdefizite zu kümmern beginnt.

Wie kann man das denn konkret steuern?

Es war ein Fehler, die Hochschulautonomie nicht anzutasten. Nun muss man damit beginnen, mit Leistungsaufträgen klarere Vorgaben zu machen. Die Unis alleine entwickeln sich immer weiter weg vom Arbeitsmarkt und damit von der Realität, wenn man sie sich selber überlässt.

Soll man zurück zu einer Personalpolitik durch die Regierungen?

Nein, sicher nicht. Aber es braucht über Leistungsaufträge klare Vorgaben an die Unis und Fachhochschulen. Man kann über den Fächermix den gymnasialen Zugang steuern. Dieser ist nach wie vor zu sprachlastig. Ein mathematisch begabter Junge, der mit Französisch auf Kriegsfuss steht, hat keine Chance im Gymi. Dem Mangel in den MINT-Fächern könnte man mit einer Öffnung für technikinteressierte Jugendliche auf Gymi-Stufe begegnen. Der Kanton Aargau bietet dies mit der Nawimat heute als einziger Kanton den Schülern an, was zu begrüssen ist.

Dann soll ein Junge auch die Matura machen können, wenn er keinen geraden Satz über die Lippen bringt? Verkennen Sie damit nicht den Trend zur Wissensgesellschaft.

Überhaupt nicht. Die Wissensgesellschaft ist ein Fakt. Aber Wissensgesellschaft heisst nicht immer mehr Uni und Akademisierung, sondern Durchdringung von Wissen in alle Berufsbereiche: Aus dem Mechaniker wird ein Polymechaniker, aus dem Automechaniker wird ein Mechatroniker, aus dem KV-Absolventen wird ein Controller, und so fort. Der Begriff der Wissensgesellschaft wurde falsch verstanden und dazu missbraucht, immer mehr Leute an die Hochschule zu bringen.

Sie plädieren in Ihrem Buch für allgemeinbildende Pflichtfächer für angehende Naturwissenschafter. Ist das Ihr Ernst?

Ja, sicher. Man muss anerkennen, dass die sogenannten Orchideenfächer wie Psychologie, Soziologie oder Ethnologie zu einem humanistischen Wissen dazugehören. Aber sie sind nicht als Hauptfach geeignet für Schulabgänger, die gar nicht wissen, was sie eigentlich machen wollen. Über 9400 Studierende waren letztes Jahr für im Hauptfach Psychologie eingeschrieben. Das ist niemals das, was der Arbeitsmarkt braucht. Ich finde, auch ein Arzt oder Ingenieur darf noch etwas über Psychologie oder Geschichte wissen. Dasselbe soll übrigens für Berufsschüler gelten.

Denken Sie eigentlich auch an die älteren Fachkräfte, die arbeitslos wurden und ausgesteuert ausgeschlossen bleiben?

Mir ist sehr bewusst, dass wir bei den über 50-Jährigen ein Problem haben. Wer über 50 ist und aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wird, der fühlt sich wegen der Personenfreizügigkeit ausgegliedert. Es gibt ein klares Rezept: Wir brauchen wieder einen sanften Inländervorrang. Dieser könnte sozialpartnerschaftlich vereinbart werden.

Das ist nicht EU-konform.

Er würde aber das Problem der Kontingentierung entschärfen.

Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative freut Sie insgeheim, Sie fordern einen Inländervorrang, schlagen protektionistische Lösungen vor – ziemt sich das für einen Sozialdemokraten?

Dieses Ja freut mich überhaupt nicht. Aber ich hatte immer Verständnis für die Arbeitnehmer und setzte mich immer für stärkere flankierende Schutzmassnahmen ein. Ich schrieb, dass der Bundesrat halt ein Druckmittel bräuchte. Gewisse linke Kreise schreien auf, wenn einer aus den eigenen Reihen eine differenzierte Position vertritt, die vom linken Katechismus abweicht. Denkverbote lassen mich aber kalt. Ich kenne die Arbeitnehmerschaft gut und bin authentischer Sozialdemokrat. Was mich irritiert, ist das elitäre Bildungsverständnis, das heute in der SP vorherrscht.

Hat denn die Berufslehre gar keine Schattenseiten?

Doch, sie hat auch Schwächen. Eine davon ist die mangelhafte internationale Einbettung. Das liegt daran, dass eigentlich nur in den deutschsprachigen Ländern ein duales Bildungssystem bekannt ist. Unter vielen ausländischen Eltern aber und auch bei vielen Personalverantwortlichen in Grosskonzernen, die häufig selber Ausländer sind, sind die Berufslehre und ihre Weiterbildungsmöglichkeiten schlicht zu wenig bekannt und zu wenig anerkannt. Das führt dazu, dass gerade viele ausländische Eltern ihre Kinder ins Gymnasium drücken.

Eine Studie kam zum Ergebnis, dass der frühe Berufsentscheid, den die Berufslehre bedingt, die Ungleichheit fördert: Mädchen wählen eher typische Frauenberufe, Jungen typische Männerberufe.

Das muss man angehen. Der Lehrplan 21 sieht das Schulfach «berufliche Orientierung» vor. Von der 7. bis 9. Klasse müssen sich die Schüler mit ihren Möglichkeiten befassen. Sie müssen lernen, sich selber zu beurteilen: Was sind ihre Interessen, Stärken, Schwächen? Das funktioniert natürlich nur, wenn die Lehrer selber über das duale Berufsbildungsangebot Bescheid wissen. Das neue Fach korrigiert übrigens im gleichen Zug das Unwissen bei den Eltern, wenn diese das Bildungssystem nicht kennen.

Rudolf Strahms neues Buch «Die Akademisierungsfalle» erscheint am 15. August im hep Verlag.