Der Stellenabbau bei General Electric fällt mit 1400 Stellen schlimmer aus als befürchtet. Nachdem die AZ die internen Pläne des US-Konzerns publik gemacht hatte, war von bis zu 1300 Stellen die Rede. Michael Rechsteiner, Chef von GE Power, bestätigt im Gespräch mit der "Nordwestschweiz", dass im Aargau 1400 Stellen abgebaut werden. 1100 davon in Baden, 250 in Birr und 50 in Oberentfelden.

GE betont in einer Mitteilung, die Schweiz sei weiterhin von grosser Bedeutung und Baden werde Hauptsitz der Geschäftsbereiche Steam Power Systems und Power Services bleiben. Standorte sollen nicht geschlossen werden. GE will also auch in Birr und Oberentfelden bleiben. Der Abbau erfolgt in den nächsten zwei Jahren. "Ich bedauere es ausserordentlich, dass wir diesen Stellenabbau vorschlagen müssen", wird GE-Manager Michael Rechsteiner in der Mitteilung zitiert.

Der Vorschlag sichere umfassendes Fachwissen bei der Projektentwicklung, dem Anlagenbau für Gaskraftwerke, dem Bau von Dampfturbinen sowie beim Service für Dampf- und Gaskraftwerke. "Der Vorschlag ist Gegenstand des nun beginnenden Konsultationsverfahren mit der internen Arbeitnehmervertretung", teilt GE weiter mit.

Hoffnungsschimmer für die Angestellten

Einen Hoffnungs-Schimmer gibt es für die Angestellten. Bisher hat General Electric den Abbau von Arbeitsplätzen recht gut gemanagt, wie der Angestellten-Verband sagt. In der ersten Abbau-Runde, die Anfang 2016 bekannt wurde, war ursprünglich die Streichung von 1300 Arbeitsplätzen angekündigt. Tatsächlich mussten dann "nur" 400 Kündigungen ausgesprochen werden, wie Christof Burkard vom Angestellten-Verband berichtet. Die Gewerkschaften waren vor drei Wochen informiert worden, wie die erste Abbau-Runde bewerkstelligt wurde. "Die Stimmung ist schlecht und viele Mitarbeiter gingen selber, aber insgesamt muss man sagen, hat GE hier einen guten Job gemacht."

Information verschoben

Die offizielle Information über den Stellenabbau soll mehrmals verschoben worden sein, wie die Nordwestschweiz aus gut informierten Kreisen erfahren hat. Die Verzögerungen waren das Resultat der komplexen Strukturen von GE in Europa. Verschiedene nationale politische Vertreter und Gewerkschaften versuchten noch Einfluss zu nehmen.

Auch die Aargauer Regierung und Bundesrat Johann Schneider-Ammann hatten sich eingeschaltet, wie "Tele M1" berichtete:

  

Erste Zahlen in Frankreich durchgesickert

In Frankreich waren aus Gewerkschaftskreisen am Donnerstagmorgen erste Zahlen durchgesickert. Demzufolge will General Electric in Europa insgesamt 4500 Arbeitsplätze in der Energiesparte streichen. Das berichtete die Wirtschaftszeitung "Les Echos" unter Berufung auf Gewerkschaftskreise. In Deutschland sollen 1000 bis 1050 Stellen wegfallen. In Grossbritannien 670.

GE erklärte auf Anfrage deutscher Medien, man überprüfe das Geschäft, um sich an den Markt anzupassen und um langfristig erfolgreich zu sein. Von Stellenstreichungen war keine Rede. Zugleich hiess es, man habe einen Vorschlag an einen Verband übermittelt, der von Alstom übernommene Mitarbeiter vertritt. Alstom hatte seine Energiesparte im Jahre 2015 an GE verkauft.

GE hatte das Sparprogramm bereits vor Wochen angekündigt. Was dies für die Mitarbeiter bedeuten würde, blieb bis heute unklar. An einer Analysten-Konferenz hat GE-Chef John Flannery gesagt: «Unser Energie-Team schaut sich vertieft an, was diese Sparte für eine Kostenstruktur hat. Die aktuelle Kostenstruktur passt nicht zu dem Markt, in dem diese Sparte im Wettbewerb steht.»

Markt schwächelt

Flannery sagte an einem Investorenanlass, der Markt habe sich im Energiegeschäft klar schlechter entwickelt als erwartet. Insbesondere habe es eine Verschiebung gegeben in Richtung der erneuerbaren Energien, was dem Gasturbinen-Geschäft geschadet habe. Nun bleibe ihm und seinem Team nur noch eines: «We will work the hell out of this». Wie der Teufel werde man an dem Geschäft arbeiten, kündigte Flannery an.

Russel Stokes, Chef der Energiegeschäftes, hatte angekündigt, den «globalen Fussabdruck» seiner Sparte anpassen zu wollen. Die Zahl der lokalen GE-Produktionsstätten war ihm also zu hoch. «Die Grösse unseres globalen Fussabdrucks ist eine Sorge, wenn man sich die aktuelle Marktschwäche vor Augen hält», sagte Stokes und fügte an: einige der Produktionsstätten seien nicht ausreichend ausgelastet.

Schweiz gegen Frankreich

Im politischen Tauziehen um den Erhalt von Arbeitsplätzen musste die Schweiz gegen Frankreich antreten. Das Nachbarland pochte dem Vernehmen nach auf Standort-Garantien, die GE abgab gegenüber dem damaligen Wirtschaftsminister und heutigen Präsidenten Emmanuel Macron. Dieser segnete persönlich den Deal ab, mit dem GE von Alstom die Energiesparte übernehmen durfte. Er hätte ein Veto einlegen können, Frankreichs Gesetz über ausländische Investitionen hätte ihn dazu ermächtigt. Nun, da GE zum Kahlschlag ansetzte, stand Macrons persönliches Prestige auf dem Spiel.

In der Schweiz hatte sich die Politik bis zuletzt bemüht, den Stellenabbau zumindest ein wenig reduzieren zu können. Eine Schweizer Delegation, angeführt von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, war zu diesem Zweck im Oktober ins amerikanische Atlanta gereist. In Gesprächen mit Russel Stokes, Chef der GE-Energiesparte, setzte Schneider-Ammann sich ein für den Forschungs- und Produktionsstandort Schweiz.

Neben Schneider-Ammann war die Schweiz auch vertreten durch Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbands und selber Industrieller, und durch Vincenza Trivigno, die Aargauer Staatsschreiberin. Die Schweizer Delegation betrieb Schadensbegrenzung. «Die negativen Auswirkungen auf den Industriestandort Aargau sollen möglichst klein gehalten werden», sagte der Aargauer Regierungsrat Urs Hofmann.

Andererseits versucht der Kanton Aargau bereits, die Zukunft nach dem Stellenabbau anzugehen. Man wolle die Voraussetzungen schaffen, dass neue Tätigkeiten aus anderen Geschäftsbereichen im Kanton Aargau aufgebaut werden, etwa in der Produktion und Speicherung von erneuerbarer Energie. Bereits als GE im Jahr 2016 einen ersten grossen Stellenabbau bekannt gab, konnte der Kanton Aargau anschliessend zumindest den Zuzug von zwei GE-Sparten vermelden. Power-Services und das Steam-Power-Systems sind seitdem in der Stadt Baden angesiedelt.