Der Börsenkurs des Messekonzerns MCH Group hat sich halbiert. Die bisherige Ertragsperle, die Uhren- und Schmuckmesse Baselworld, ebenso. Vor Wochenfrist griff Swatch-Chef Nick Hayek die Messeleitung scharf an und erklärte den Verzicht seiner Gruppe auf die Baselworld. Ein Dolchstoss. Nun tritt Messechef René Kamm zurück. Nur: Seine Zeit wäre auch ohne Hayeks Philippika abgelaufen.

Bei der gestrigen Medienkonferenz geht René Kamm voran. Dreitagebart, Hemd weit aufgeknöpft, Mokassins. Das Jackett ist knapp, seine Begrüssung ebenso. Auf seinen federnden Gang folgt die Antithese: Verwaltungsratspräsident Ulrich Vischer mit weissem Schnauzer, Anzug, farblich assortierte Krawatte mit Pochette. Es ist ein Auftritt mit Symbolkraft. Kamm will als Sieger abtreten. In seiner Wahrnehmung hat er alles richtig gemacht.

Vischer hält eine Laudatio auf Kamm. Das ist diesem nicht genug. Er will sich rechtfertigen. Die persönlichen Angriffe haben Spuren hinterlassen. Kamm reagiert mit Sarkasmus, nennt sich einen «Schönwetterkapitän» und zählt die Stürme auf, durch die er die MCH Group gesteuert habe. Seinen Rücktritt erklärt er wie ein Fussballtrainer: «Ich bin zuletzt mit dem Resultat unzufrieden gewesen. Und wenn ich spüre, dass auch der Verwaltungsrat unzufrieden wird, ist es Zeit zu gehen.»

Alles, was gut und teuer ist

Knapp zwanzig Jahre lang hat Kamm am Marketing des Messekonzerns gefeilt. Von Anfang an ist er für die zwei wichtigsten Marken zuständig, die Uhren- und Schmuckmesse Baselworld und die Kunstmesse Art Basel. Publikumsmessen wie die Muba haben ihn nie gross gekümmert. Sein Interesse gilt der Vermarktung grosser Marken. Nach weniger als vier Jahren steht er, 42-jährig, bereits an der Spitze des Unternehmens.

Sein Credo hat Kamm in einem Interview in einen Satz gepackt: «Was gut und teuer ist, verkauft sich.» Zielstrebig baut er den Konzern zur internationalen Plattform für Luxusgüter um und aus. Er trifft den Nerv der Zeit. Die Baselworld explodiert nahezu. Die unattraktiven Zulieferer der Uhren- und Schmuckbranche werden zeitweise in die Zürcher Messehallen ausgelagert, um Platz zu schaffen für die Prunkbauten der Luxusmarken. Es gibt eine Warteliste von Uhrenmanufakturen, die gerne an der Baselworld ausstellen wollen. Der Trend hält lange an. Kamm drängt zum Bau des Messezentrums, das erst vor fünf Jahren eröffnet wird. Eine halbe Milliarde Franken investieren die Marken in neue Messestände, im Glauben an eine ungebrochene Glitzerwelt.

Parallel hat Kamm mit der Art Basel eine Globalisierung vorangetrieben. Mit Geld der UBS startet der erste Ableger in Miami im Jahr 2002 und damit ein Jahr später als geplant. 9/11 hat einen früheren Start verhindert, die Verschiebung kostet Millionen. Kamm forciert den Aufbau einer dritten Art in Hongkong und baut damit die Deutungshoheit der Messe im weltweiten Kunsthandel aus. Er kauft kleinere Plattformen auf, um die Position seines Premium-Produkts abzusichern. Das Konstrukt funktioniert, so lange die Reichen und Neureichen mit Kunstkäufen ihr soziales Prestige unter Beweis stellen wollen.

Die Welt wird mehr und mehr zur Bühne für den Moderator des Luxus. Basel und dessen ihm kleingeistig erscheinenden Probleme begegnet Kamm nicht auf Augenhöhe. Der Messeneubau wird zu seinem PrestigeObjekt. An einem Vortrag erläutert er Branchenkollegen sein Erfolgsgeheimnis in acht Punkten. Nummer zwei: Baue ein architektonisches Wahrzeichen. Der Bau verläuft aber nicht reibungslos. Gewerkschaften monieren Dumpinglöhne. Auf Kritik reagiert Kamm so gereizt wie uneinsichtig. «Also luege Sy», beginnt er ein Interview mit dem Schweizer Fernsehen. Und dann: «Wir haben die wohl bestgeführte Baustelle, welche die Schweiz je gesehen hat.» Kamm, so seine Botschaft, hat alles richtig gemacht.

Unfehlbar und dünnhäutig zeigt er sich vor einem Jahr. Die «Basler Zeitung» wirft ihm Vetterliwirtschaft vor. Die Messe vergebe Aufträge an die Firma des Ehemanns von Baselworld-Chefin Sylvie Ritter. In einem Interview verliert Kamm die Beherrschung, fährt den Journalisten grob an. Bei beiden Episoden bleibt weniger der Skandal haften, als der Eindruck eines blaffenden Chefs. Arroganz scheint seine Waffe der Wahl in der Verteidigung zu sein.

Ein Anzug, der nicht sitzt

Kamm merkt, dass der Wind dreht. Für die Kommunikation der deutlich abgeschliffenen Ausgabe 2018 der Baselworld wählt er einen neuen Anzug: Demut. Doch er sitzt nicht. All jene, die er zuvor als «Provinzler» bezeichnet hat, wollen ihm nicht glauben, nun selbst Bescheidenheit zu leben. Selbst Taten helfen ihm wenig. Weder hat er sich im vergangenen Jahr als Konzernchef einen Bonus zugehalten noch erhält er eine Abgangsentschädigung über seine halbjährliche Kündigungsfrist hinaus.

Vischer, ehemals LDP-Regierungsrat und Präsident des Unirates, griff bereits moderierend ein, als sich Kamm beim Messeneubau angreifbar machte. Nun muss der 67-jährige operativ Verantwortung übernehmen. Schnellstmöglich will er einen Nachfolger. Die Aufgabe ist nicht einfach. Er sollte Kamms Qualifikationen haben, aber einfach mit geschlossenem Hemd und einem Schuhwerk, das Bodenhaftung verspricht.