Sika-Streit: Der Glücksfall Bill Gates

Der Milliardär engagiert sich immer stärker im Übernahmekampf. Weshalb setzt sich der Microsoft- Gründer so vehement für den Baustoffhersteller und dessen Publikumsaktionäre ein?

Ernst Meier
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Bill Gates und seine Frau Melinda (links) wollen die Übernahme von Sika durch Saint-Gobain verhindern. (Bild: AP / Seth Wenig)

Bill Gates und seine Frau Melinda (links) wollen die Übernahme von Sika durch Saint-Gobain verhindern. (Bild: AP / Seth Wenig)

Alljährlich veröffentlicht das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» die Liste der reichsten Menschen der Welt. Aktuell ist Microsoft-Gründer Bill Gates mit 79,2 Milliarden Dollar auf Platz 1. Dass der Amerikaner der Reichste unter den Reichen ist, hat er nicht alleine der von ihm und Paul Allen exakt gestern vor 40 Jahren gegründeten Software-Schmiede zu verdanken. Bill Gates besitzt mit Cascade Investment eine der weltweit grössten Beteiligungsgesellschaften. Diese vermehrt das Vermögen von Gates mit Investitionen und Firmenbeteiligungen. Ziel dieser Wertvermehrungsmaschinerie: Geld zu erwirtschaften, das dann gemeinnützig eingesetzt werden kann (siehe Kasten).

«Goldhändchen»

Auf der Suche nach Investitionen, die das Cascade-Vermögen vermehren können, stiess Bill Gates, respektive Michael Larson, vor einigen Jahren auch auf den Baarer Baustoffhersteller Sika. Zur Erklärung: Michael Larson (55) ist seit 1994 Bill Gates’ «Money Manager». Er hat das volle Vertrauen seines Chefs, wie man in der US-Presse liest. Larson kann gemäss Auflagen relativ frei schalten und walten. Bill Gates erhält alle paar Wochen einen «Update-Report» und trifft sich regelmässig mit seinem Vermögensverwalter.

Michael Larson gilt als regelrechtes «Goldhändchen». Er verwaltet Gates’ Milliarden seit über 20 Jahren äusserst erfolgreich. Wie eine Pensionskasse oder eine Privatbank investiert er das ihm anvertraute Vermögen in Aktien, Obligationen und Wertmetalle, aber auch in alternative Anlagen wie Start-up-Firmen.

Gates mag zwei Schweizer Firmen

Sika gehört zu den kleineren Investitionen von Cascade. Die Beteiligung am Baarer Unternehmen von 5,23 Prozent hat derzeit einen Wert von knapp 500 Millionen Franken. Weshalb investiert der Microsoft-Gründer in den Baustoffhersteller aus dem Kanton Zug? In der Finanzbranche ist bekannt: Sika ist ein interessanter Wachstumswert. Das Unternehmen profitiert vom weltweiten Bauboom. Zudem bleibt das Geld im starken Schweizer Franken investiert und wirft jährlich eine interessante Dividende ab. Es erstaunt daher nicht, dass der auf überdurchschnittliches Wachstum fokussierte Michael Larson Sika ausgesucht hat.

Cascade hat in nur zwei Schweizer Gesellschaften investiert: Die andere ist Givaudan. Der Genfer Hersteller von Aromen und Düften für die Lebensmittel- sowie Kosmetikindustrie gilt ebenfalls als Wachstumsperle.

Für das Sika-Management, das sich seit drei Monaten gegen die geplante Übernahme durch den französischen Konzern Saint-Gobain wehrt, ist Bill Gates ein Glücksfall. Cascade hält nicht nur eisern an Sika fest und stützt das Vorgehen von Verwaltungsratspräsident Paul Hälg, es bekämpft die Übernahme auch mit juristischen Schritten. Zudem gibt es dem Widerstand ein prominentes Gesicht.

«Bill Gates blitzt mit seinem Sika-Antrag ab», titelten die Zeitungen diese Woche, als die Eidgenössische Übernahmekommission (UEK) die Gültigkeit der Opting-out-Klausel bestätigte (wir berichteten). Demnach wäre es legal, dass Saint-Gobain mit nur 16 Prozent der Sika-Aktien rund 52 Prozent der Stimmen und damit die Mehrheit am Unternehmen erlangen kann. Doch Gates gibt sich nicht geschlagen: Nur einen Tag später teilte Cascade mit, dass man den Entscheid anfechte und Beschwerde bei der Finanzmarktaufsichtskommission einreiche.

Kampferprobte US-Investoren

Weshalb kämpft Bill Gates für ein Votum, das vor Gericht wenig Chance auf Erfolg hat? «In Amerika herrscht ein ganz anderes Denken als in der Schweiz», sagt der Zürcher Kommunikationsspezialist Roger Huber. Trotz der bekannten Aktienstruktur betrachtet man Sika nicht als Familienunternehmen. «Wenn eine Gesellschaft auf dem internationalen Finanzmarkt aktiv ist und weltweit Gelder anzieht, erwarten Investoren wie Cascade auch eine faire und gleichwertige Behandlung aller Aktionäre», erklärt der auf Krisenkommunikation spezialisierte PR-Mann. «US-Investoren und deren Anwälte sind kampferprobter als Schweizer», weiss Huber. Man gebe auch bei schwieriger Rechtslage nicht frühzeitig auf. Das Team rund um Bill Gates wisse genau, dass bei Sika mehr herauszuholen sei. Deshalb halte man am Investment fest und bekämpfe die nach modernen Anlagegrundsätzen «inakzeptable Ungleichbehandlung von Aktionären wie das Saint-Gobain und die Erbenfamilie Burkard beabsichtigen».

Juristen versus öffentliche Meinung

Das juristische Vorgehen von Bill Gates und anderen Sika-Grossinvestoren sei vor allem auch eine PR-Schlacht, ist Huber überzeugt: «Man zeigt der Öffentlichkeit, dass man es nicht akzeptiert, als Aktionär übergangen zu werden.» Roger Huber betrachtet den Sika-Streit deshalb nicht nur als juristischen Schlagabtausch, sondern auch als Kampf zwischen Anwälten und Kommunikationsleuten.

Er vergleicht den Sika-Streit mit der Debatte um Managerlöhne. «Obwohl die Saläre von Daniel Vasella bei Novartis oder Marcel Ospel bei der UBS rechtlich korrekt zu Stande kamen, gerieten die Manager bei der Schweizer Bevölkerung in Ungnade», sagt Roger Huber. Eine Reaktion darauf sei das Ja zur Abzocker-Initiative von Ständerat Thomas Minder gewesen. «Der Fall Sika könnte eine ähnliche Signalwirkung erzeugen und eine Verschärfung des Aktienrechts zur Folge haben», ist Huber überzeugt.