Tel Aviv

Silicon Valley war gestern: Heute stöbern Firmen in Israel nach neuen Ideen

Gelobtes Land für innovative Investoren: Tel Aviv zieht mehr und mehr Unternehmen aus der Schweiz an – Start-ups ebenso wie etablierte Grossunternehmen wie die Migros.

Gelobtes Land für innovative Investoren: Tel Aviv zieht mehr und mehr Unternehmen aus der Schweiz an – Start-ups ebenso wie etablierte Grossunternehmen wie die Migros.

Schweizer Firmen suchen in Tel Aviv nach neuen Ideen. Wer sich im «neuen Kalifornien» engagiert – und profitiert.

Ob Migros, Post, Credit Suisse, SBB oder Lonza: Sie spüren in Israel Innovationen auf, für die das kleine Land im Nahen Osten berühmt geworden ist. Der Standort Israel hat sich als eine der ersten Adressen in der globalen Start-up-Szene etabliert.

Israel, sagen Spezialisten, sei das «neue Kalifornien». Nur im Silicon Valley gibt es pro Kopf der Bevölkerung mehr Jungunternehmen als in Tel Aviv. Und für den Schweizer Start-up-Investor Daniel Gutenberg ist das Silicon Valley gar passé. «Innovationen finden heute in China, Brasilien und in Israel statt», sagt er. Es gebe zwar kulturelle Unterschiede zur Schweiz – aber «im Vergleich zu China oder Brasilien sind sie minimal». Und: Tel Aviv ist bloss vier Flugstunden von Zürich entfernt.

Den Kontakt zum israelischen Standort will die Schweizer Botschaft in Tel Aviv mit Hilfe eines Innovationsberaters erleichtern. Er soll helfen, die geweckte Neugierde am Tech-Hub zu befriedigen und Schweizer Interessenten mit lokalen Jungunternehmern in Kontakt zu bringen.

Post forscht in Israel an Lieferrobotern

Die SBB sind hier vertreten, und Ingenieure der Post arbeiten seit diesem Sommer mit israelischen Kollegen zusammen, um nach Lösungen für die logistischen Umwälzungen zu suchen, die sich mit der raschen Expansion des Onlinehandels stellen. Dazu gehört unter anderem der Einsatz von Lieferrobotern oder Drohnen, wo die Post auf israelische Start-ups setzt.

Die Migros investierte in diesem Jahr in das israelische Start-up Aleph Farms, das in ein paar Jahren Steaks aus Zellkulturen auf den Markt bringen will. Die zu Chemchina gehörende Syngenta kooperiert mit der in Israel beheimateten Pflanzenschutzfirma Adama Agricultural Solutions, die vor acht Jahren ebenfalls von Chemchina gekauft wurde.

Auch Lonza hat die Beziehungen zum Forschungsstandort Israel intensiviert. Auf der Ausschau nach Technologien, welche die Herstellung von Medikamenten effizienter gestalten können, hat der Multi vor einem Jahr ein Innovationszentrum in Haifa eröffnet, um die Verbindung zwischen der eigenen Forschungsabteilung und Wissenschaftern, medizinischen Institutionen und Bio-Tech-Start-ups in Israel herzustellen. «Wir suchen disruptive Technologien, welche die Produktion der Zukunft verändern werden», heisst es bei Lonza.

Finanzhäuser engagieren sich ebenfalls. So hat sich im vergangenen Jahr Credit Suisse mit 250 Millionen Dollar am Fonds aMoon beteiligt, der auf Start-ups in den Bereichen Digital Health, medizinische Geräte und Biopharma spezialisiert ist. Der Zürcher Wagniskapitalfonds Emerald Technology Ventures hat in diesem Jahr sein globales Portfolio um zwei israelische Start-ups in den Bereichen Wasser und Laborfleisch erweitert.

Dazu gehört zum Beispiel Future Meat Technologies, ein Unternehmen, das ein Verfahren zur Produktion von Fleisch im Labor entwickelt. Israel werde ein wichtiges Land für Emerald bleiben, ist Investment Director Philipp Hasler überzeugt.

«Kämpfen gegen Vorurteile, die Schweiz sei teuer»

Das Ökosystem und die Anzahl an erfahrenen Gründern sei in Israel «deutlich» grösser als in der Schweiz. Als positiv wertet er auch, dass die lokalen Start-ups von Anfang an einen Markt anpeilen, der nicht in Israel liege, sondern ausserhalb. Im Gegensatz zur Schweiz werde ein Scheitern nicht als Mangel gesehen und sei deshalb auch Karrierekiller: «Flops werden als Teil der Entwicklung gesehen, es beim nächsten Mal besser zu machen.»

Im Dezember treffen sich an einem Netzwerkanlass in Zürich Investoren, die sich für israelische Start-ups interessieren. Israels grösster Wagnisfinanzierer OurCrowd wird über Investitionsmöglichkeiten in der israelischen Hightech-Szene informieren. Organisiert wird das Treffen unter anderem von Thomas Borer, dem ehemaligen Botschafter in Berlin.

Borer sieht Chancen, israelische Jungunternehmer in die Schweiz zu locken, wo viele internationale Grosskonzerne ihren Sitz haben, die für Jungfirmen wichtige Partner, Kunden oder Investoren und Käufer sein können. Derzeit seien israelische Unternehmer «zu stark» auf die USA ausgerichtet, meint er.

Noch zögern Tel Aviver Firmen jedoch, Aktivitäten in die Schweiz zu verlagern. Dabei könnte die Schweiz für israelische Firmen das Tor zur Welt sein, sagt Botschafter Daniel Ruch, der sich für die Stelle des Innovationsberaters auf der Botschaft in Tel Aviv starkgemacht hat. «Wir kämpfen gegen Stereotypen, die Schweiz sei teuer. Wir müssen das Bewusstsein dafür schaffen, dass die Schweiz ein Innovationszentrum ist.»

Auf der Suche nach neuen Ansiedlungen war in der vergangenen Woche eine Zweierdelegation der Standortmarketingorganisation Greater Zurich Area in Israel. «Wir wollen Israels Hightech-Szene «erspüren», sagt Chefin Sonja Wollkopf Walt bei einem Kaffee am Strand von Tel Aviv. Für israelische Firmen, die wachsen oder ein zweites Standbein aufbauen wollen, könnte die Schweiz attraktiv sein, meint Wollkopf.

Die Schweiz sei das einzige Land in Europa, das ein Freihandelsabkommen mit China und bald vielleicht mit den USA hat, zudem bestehe ein leichter Zugang zum EU-Markt. Interessant für Hightech-Unternehmen sei auch der einfache Zugang zum Wissensstandort Schweiz mit seinen führenden Hochschulen und Forschungsinstituten. Ob ihre Argumente bei Israels Start-ups angekommen sind, bleibt abzuwarten.

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