Porträt

SNB-Präsident Thomas Jordan, der Schonungslose

Ein Hodler im Rücken: Thomas Jordan in seinem Büro am Berner SNB-Hauptsitz, damals noch Nummer 2 der Nationalbank.

Ein Hodler im Rücken: Thomas Jordan in seinem Büro am Berner SNB-Hauptsitz, damals noch Nummer 2 der Nationalbank.

Wie Christoph Blocher mag Thomas Jordan Hodler. Früher spielte er Wasserball. Nun riss er die Wechselkursschranke auf. Das Porträt des Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank.

«Der Holzfäller» des Schweizer Malers Ferdinand Hodler hing schon bei Christoph Blocher im Büro, als dieser noch Bundesrat war. Das Bild zeigt einen Holzfäller, der mit einer grossen Axt und brachialer, aber präziser Gewalt einen Baum fällt.

Auch der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), Thomas Jordan, mag Hodler. Und den Holzfäller. Das Foto rechts entstand vor fast fünf Jahren. Damals war Jordan noch Vizepräsident des SNB-Direktoriums. Als Leiter des II. Departements der Nationalbank befand sich sein Büro am Berner Hauptsitz der Nationalbank an der exklusiven Adresse Bundesplatz 1.

Der Nationalmaler und die SNB

Doch Blochers und Jordans Bild ist nicht dasselbe. Das Gemälde an der getäferten Wand von Jordans schmuckem Büro zeigt dasselbe Sujet wie bei Blocher ein paar Jahre vorher im Bundeshaus Ost in Sichtweite. Beide gehören sie zur selben Serie des bekanntesten Schweizer Malers des 19. Jahrhunderts.

Jordans Holzfäller gehört der SNB selber und ist kleiner als das Gemälde, das bei Blocher hing. Dieses gehört zur Bundessammlung, über die das Bundesamt für Kultur hütet. Heute ist es als Leihgabe beim Kunstmuseum Bern einem breiten Publikum zugänglich.

Hodler gilt als Nationalmaler schlechthin. Er und die Währungshüter des Schweizer Frankens haben eine lange Geschichte: Der Berner gestaltete eine Banknotenserie mit. Die Fünfzigernoten, die zwischen 1911 und 1958 in Umlauf waren, zeigten auf der Rückseite den «Holzfäller».

Seinen Holzfäller nahm der heute 51-jährige Jordan mit nach Zürich, als er im Januar 2012 das Amt des SNB-Präsidenten übernahm. Dies, nachdem sein gleichaltriger Chef Philippe Hildebrand zurücktreten musste, weil er über die Währungsgeschäfte seiner Frau gestolpert war.

Passend zum Holzfäller waren Jordans Auftritte: weniger glamourös als diejenigen des eloquenten Hildebrand, dafür aber bodenständig und manchmal etwas steif und hölzern. Trotzdem oder gerade deshalb war die Schweizer Wirtschaft und Politik voll des Lobes für den neuen Nationalbankpräsidenten.

Mit Jordan durch die Krise

Thomas Jordan war 1997 in die Nationalbank eingetreten. Zehn Jahre später wurde er Mitglied des Direktoriums und Vorsteher des III. Departements, das unter anderem die Finanzmärkte im Auge behält. Just in dieser Zeit gerieten diese ausser Rand und Band. Der 1,90 Meter grosse Hüne bewies Standfestigkeit und Tatendrang. Er wirkte massgeblich bei der Einrichtung sogenannter Swap-Geschäfte mit. Dank dieser Transaktionen mit der Europäischen Zentralbank trauten sich die Banken wieder über den Weg und die Finanzmärkte stabilisierten sich. 2008, als die UBS gerettet werden musste, bauten Jordan und sein Team einen Stabilitätsfonds auf, um die toxischen Papiere der UBS zu übernehmen.

Längst war auch der Druck auf den Schweizer Franken stark gestiegen. So stark, dass das Direktorium der Nationalbank noch unter der Leitung Hildebrands im September 2011 den Euro-Mindestkurs von Fr. 1.20 einführen musste. Jordan hielt später eisern an der Untergrenze fest und rettete so die Schweizer Wirtschaft vor einer Rezession. Bis zum Donnerstag dieser Woche: Da liess er die Bombe platzen. Das Aufkaufen von Euros und Staatsanleihen aus dem Euroraum sei nicht mehr länger nachhaltig, sagte er mit ruhiger Stimme vor den Medien. Die Situation auf dem Währungsmarkt habe sich so weit entschärft, dass eine Kopplung an den Euro aufgegeben werden könne. Die Wirtschaft habe sich in den drei Jahren Mindestkurs genügend auf eine neue Situation einstellen können.

Die Reaktion war so schonungslos wie Jordans überraschender, aber aus der Sicht des SNB-Direktoriums unumgänglicher Entscheid: Die Märkte brachen ein, zeitweise stieg der Schweizer Franken ins Unermessliche.

Schmerzfrei und bescheiden

Jordans Vorgehen steht im Zeichen rationalen Handelns. Schonungslos einen Entscheid durchsetzen, auch wenn er schmerzhaft sein kann. Auch am Donnerstag vor den Medien liess er sich nichts anmerken, obwohl an einem einzigen Tag Milliarden vernichtet worden sind. Geld bedeutet Jordan persönlich wenig. Bekannte bezeichnen ihn als bescheiden. Der Nationalbankpräsident verdient fast eine Million Franken im Jahr.

Der Exportbranche stehen turbulente Zeiten bevor. Was sich wohl Jordan von den Hoteliers und Bergbahnbetreibern anhören müsste, hätte er Zeit, in die Skiferien zu fahren. Der Walliser Hotelier und ehemalige SP-Präsident Peter Bodenmann sprach in einer ersten Reaktion auf den SNB-Entscheid von «Kopfschuss».

Doch Jordan ist hart im Nehmen. In jungen Jahren spielte er Wasserball, eine der härtesten Sportarten überhaupt. Zusammen mit einem seiner beiden Brüder in Biel, wo die Familie eines Berner Richters wohnte. Mehrmals war Jordan sogar im Einsatz für die Wasserball-Nationalmannschaft.

Statt der sportlichen Laufbahn bevorzugte er aber die akademische: An der Universität Bern studierte er Volkswirtschaft und assistierte dem Geldpolitik-Spezialisten Ernst Baltensperger, der ihm später den Weg in die Nationalbank ebnete. Bei ihm schrieb er auch die Dissertation. Vor mehr als zwanzig Jahren warnte Jordan darin vor der Währungskrise, wie sie später tatsächlich eintreten sollte. Seine These damals: Eine Währungsunion funktioniere nur Hand in Hand mit einer Fiskalunion. Einer gemeinsamen EU-Steuerpolitik also. Einem gemeinsamen Währungsraum gewachsen sah er nur die vier Länder Deutschland, Grossbritannien, Frankreich und Luxemburg. Baltensperger ebnete Jordan auch den Weg zur Nationalbank.

Jordan ist verheiratet mit einer Fachhochschuldozentin. Mit den beiden Söhnen leben sie am Zürichsee.

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