Verkehrspolitik

Städtekonferenz zum Autofahren: «Zugangsbeschränkungen für überlastete Zentren könnten Sinn machen»

Auch Agglomerationsgemeinden wie Schlieren sind von neuen Entwicklungen betroffen, sagt Stadtrat Stefano Kunz.

Auch Agglomerationsgemeinden wie Schlieren sind von neuen Entwicklungen betroffen, sagt Stadtrat Stefano Kunz.

Weniger Parkplätze, mehr Velowege – und ein Angriff aufs GA: In einer neuen Studie präsentiert die Städtekonferenz radikale Massnahmen. Vorstandsmitglied Stefano Kunz nimmt Stellung.

In einer neuen Studie schlägt die Städtekonferenz Mobilität verschiedene Massnahmen vor, um die Klimaziele zu erreichen – etwa die Aufhebung von Anwohnerparkplätzen zugunsten von Parkhäusern, die Abschaffung von ÖV-Flatrate-Abos wie dem GA oder die Schaffung neuer Velowege. Stefano Kunz ist Vorstandsmitglied der Städtekonferenz und sitzt für die CVP im Stadtrat von Schlieren. Er sagt, wieso es neue Massnahmen braucht und welche er in seiner Gemeinde umsetzen möchte.

Die Schweizer sind zu mobil. Diesen Eindruck erhält man nach der Lektüre der neuesten Studie der Städtekonferenz Mobilität. Stimmt diese Zusammenfassung?

Stefano Kunz: Ja. Eine zentrale Aussage der Studie ist, dass wir zu mobil sind und die Mobilität zu günstig ist. Das ist keine revolutionäre Erkenntnis. Das Problem ist, dass sich die Städte deswegen in einem Dilemma befinden.

Welches Dilemma?

Einerseits wollen wir möglichst viele Menschen motivieren, den Öffentlichen Verkehr zu nutzen und weniger Auto zu fahren. Andererseits wird aufgrund relativ tiefer Preise auch zu viel Zug und Tram gefahren. Aber diese Art von Mobilität ist nicht einfach «grün», sondern belastet das Klima ebenfalls, etwa wegen der grauen Energie. Jede Stadt ist deshalb gefordert, für sich die ideale Balance zu finden. Ein Allheilmittel gibt es nicht. So könnten Zugangsbeschränkungen für überlastete Zentren wie etwa in Zürich Sinn machen, während das in Fribourg oder Lausanne anders aussieht.

Viele der vorgestellten Massnahmen sind einschneidend. Es ist etwa die Rede davon, Anwohnerparkplätze aufzuheben und in Parkhäuser zu verlegen oder Flatrate-Abos wie das GA abzuschaffen.

Die Studie ist primär ein Denkanstoss. Als Städtekonferenz haben wir ja keine Entscheidungskompetenzen. Gewisse Vorschläge sind bewusst provokativ. Klar ist: Der Verkehr ist ein grosser Treiber der CO2-Problematik. Das Klima ist ein Dauerthema und überall angekommen. Die Dringlichkeit wird nicht mehr in Frage gestellt. Es liegt auf der Hand, dass sich Städte dazu Gedanken machen müssen und dass wir mit der Studie neue Lösungsansätze suchen. Für mich wirklich überraschend war die Aussage, dass es einen Paradigmenwechsel braucht: Weg von vielen kleinen, niederschwelligen Massnahmen hin zu wenigen, dafür einschneidenden Massnahmen.

Welche Massnahmen wollen Sie bei sich in Schlieren umsetzen?

Die Betroffenheit in einer Agglomerations-Gemeinde wie Schlieren ist eine andere als in einer Grossstadt wie Zürich. Viele Themen haben bei uns noch nicht die gleiche Dringlichkeit. Aber die Klimathematik ist auch in unserer nach wie vor bürgerlich geprägten Kleinstadt angekommen. Wenn wir einen Baum fällen, geht die Bevölkerung auf die Hinterbeine, das war noch vor wenigen Jahren anders. Wir überprüfen nun dieses Jahr die Verkehrskonzeption in der Stadt und haben begonnen, die Bau- und Zonenordnung zu überarbeiten.

Stefano Kunz (57)

Stefano Kunz (57)

Das tönt technisch. Was kann man sich darunter vorstellen?

Die Reduktion von Parkplätzen wird sicher ein Thema, ebenso wie die Schaffung von Velowegen. Wir sind mit dem ÖV hervorragend erschlossen. Die Verlagerung können wir weiter unterstützen. Wir wollen künftig vor allem qualitatives, nicht quantitatives Wachstum. Das werden wir einfordern. Wichtige Hebel sind Gestaltungspläne und städtebauliche Verträge, wenn es um die Umnutzung von Industriebrachen oder verdichtetes Bauen geht. So können wir Massnahmen zur Vermeidung von Hitzeinseln einfordern, die Zahl der Pflicht-Parkplätze senken oder die Begrünung vorschreiben.

Lassen sich solche Pläne in Städten wie Schlieren überhaupt verwirklichen, die häufig bürgerlicher regiert sind als die Grossstädte?

Die politische Ausrichtung der Stadtregierung ist nur ein Teil. Die Betroffenheit ist häufig schlicht eine andere – etwa bei der Frage, wie viele Parkplätze aufgehoben werden sollen. Das ist bei uns weniger ein Problem. Ich beobachte aber, dass Entwicklungen, die in den Grossstädten auftreten, zwei Jahre später auch in kleineren Städten zum Thema werden. Die Städtekonferenz, die von grösseren Städten geprägt ist, ist für mich deshalb eine Art Indikator. Andererseits kann ich dort die Sichtweise der Agglomeration einbringen, die manchmal etwas vergessen geht.

Mit der Coronakrise haben viele das Homeoffice entdeckt. Spielt das den Städten in die Karten?

Die Coronakrise wird die Arbeitsweise nachhaltig verändern. Sicher wird die Veränderung nicht so radikal sein wie im Lockdown im Frühling, aber ich bin von einem nachhaltigen Effekt überzeugt. Das Homeoffice wird künftig eine deutlich wichtigere Rolle spielen. Das wird die Mobilität reduzieren.

Was bedeutet das für eine Agglomerations-Gemeinde wie Schlieren?

Wir könnten möglicherweise gleich doppelt profitieren: Viel mehr Leute können bei uns gleichzeitig wohnen und arbeiten, da viel Wohnraum erstellt wird, der Wohnen und Arbeiten ermöglicht. Hinzu kommt: Schon vor Corona gab es den Trend, dass Firmen vermehrt Büroräume in Agglomerationsgemeinden mieten statt in der Kernstadt. In Zürich haben Banken im grossen Stil Arbeitsplätze zum Beispiel nach Dübendorf verlagert. Für die Mitarbeiter bedeutet das häufig einen kürzeren Arbeitsweg, weil sie nicht in die Innenstadt müssen. Die Firmen profitieren von günstigeren Mieten. Corona wird diesen Trend verstärken.

Schlieren hatte lange einen eher schlechten Ruf. Seit einem Jahr fährt nun das Tram in die Stadt Zürich. Der Politgeograph Michael Hermann sagt, das Verkehrsmittel bringe städtische Qualität. Sehen Sie das auch so?

Ja, das Tram bringt automatisch ein städtisches Gefühl. Man fühlt sich an eine grössere Stadt, wo die Trams ja normalerweise fahren, erinnert. Hinzu kommt die bessere Anbindung an die City. Das Tram hat in Schlieren einen Prozess, der schon länger am Laufen ist, beschleunigt – nämlich jenen vom Dorf, das zur Stadt wird.

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