Die Zürcher Goldküste. Wie an einer Perlenkette reiht sich eine steuergünstige Gemeinde an die nächste. Die Immobilienpreise zählen zu den höchsten in der Schweiz. Viele Bewohner verschulden sich stark, um sich an diesem Flecken Erde ihren Wohntraum zu erfüllen. Das macht die Gegend attraktiv für Hypothekenanbieter.

Lange machten Banken das Geschäft unter sich aus. Das hat sich geändert. Unter anderem drängen Versicherungen in den Markt. Zum Beispiel Swiss Life. Ihr Hypotheken-Portfolio beläuft sich inzwischen auf 8,2 Milliarden Franken.

Doch das Hypogeschäft spielt nach eigenen Gesetzen. Eine Sozialversicherungspolice für ein KMU zu verkaufen, ist nicht das Gleiche, wie eine Wohnimmobilie für einen Privatkunden zu finanzieren. Das musste auch Karl S. erfahren, der in der Gegend lebt. Er hatte noch nie eine Geschäftsbeziehung zur Swiss Life. Seine Firma regelt so ziemlich alles, was mit Sozialversicherungen zu tun hat.

Erinnerung an den AWD werden wach

Deshalb war er neugierig darauf, wie sich die Versicherung im Hypogeschäft schlägt. Ihm war bekannt, dass Lebensversicherungen sehr günstige langjährige Hypotheken anbieten. Das ging ihm durch den Kopf, als er eines Morgens einen Flyer aus dem Briefkasten fischte. Auf dem Prospekt stand: «Gutschein für Wohneigentümer: Immobilienbewertung mit Hypo-Check im Wert von 690 Franken.» Absender war die Swiss-Life-Generalagentur Meilen, welche die ganze Goldküste-Region abdeckt.

So sieht der Flyer aus.

So sieht der Flyer aus.

Als misstrauischer Mensch reagiert Karl S. normalerweise nie auf Spezialaktionen. Einmal hatte er einen Verkäufer des von Swiss Life aufgekauften Finanzdienstleisters AWD im Haus, der an Adressen seiner Freunde kommen wollte. Doch was konnte jetzt schon schiefgehen? Eine Immobilien-Bewertung könne ja nie schaden, dachte er sich, also füllte er den Flyer aus und schickte ihn ein. Nach ein paar Tagen meldete sich ein Berater am Telefon. Es war ein kurzes Gespräch über Laufzeiten und Häuserpreise. Dabei liess Karl S. durchblicken, dass er sich eine neue Finanzierung vorstellen könne. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass zwei Tranchen seiner aktuellen Hypothek erst in zwei bis drei Jahren auslaufen würden. Der Berater sagte, dass er sich per Mail wieder melden werde. Als dieses eintraf, glaubte Karl S. nicht, was er las. Der Berater verlangte höchst vertrauliche Unterlagen:

«Eine Kopie der Steuererklärung 2018 inkl. Wertschriftenverzeichnis; Kopie Lohnausweise 2018 von Ihnen und Ihrer Frau; Kopie des aktuellen BVG-Ausweises von Ihnen und Ihrer Frau; die letzten 3 Lohnabrechnungen von Ihnen und Ihrer Frau; Kopie Ihres jetzigen Rahmenvertrages und Produktevereinbarungen; Kopie der letzten Zinsabrechnung; Kopie von aktuellen 3a-/3b-Lebensversicherungen; Kopie von aktuellem 3a-Konto-/Depot Lösungen bei Banken (Saldostand).»

Swiss-Life-Berater handelte «unglücklich»

Karl S. haute es aus den Socken. Ihm ist ja bewusst, dass eine Hypothekarvereinbarung nur dann zustande kommt, wenn es die finanziellen Verhältnisse des Schuldners erlauben. Doch dass ein wildfremder Mensch, dem er noch nie ins Gesicht geschaut hat, all diese Informationen von ihm will, empfand er als eine Frechheit. Er hätte erwartet, dass der Berater zunächst genau abchecken würde, wie lange die Hypotheken noch laufen und ob unter diesen Umständen ein Wechsel überhaupt möglich wäre. Er schrieb dem Berater, dass er die Dokumente nicht liefern werde und dass seine Daten aus der Marketing-Datenbank gelöscht werden sollen.

Der Angestellte zeigte sich nun seinerseits erstaunt und bat Karl S., «kurz innezuhalten» und «zu überlegen, wie wir denn Ihnen sonst eine Offerte unterbreiten sollen». Allerdings, von einer «Offerte» war nie die Rede, sondern von einem «Hypothekencheck» – und von einer Immobewertung, von der keine Rede mehr war. Karl S. wiederholte seine Bitte, die Daten zu löschen. Doch er hörte nichts mehr.

Wie sich herausstellte, war der Berater gar kein Immobilienexperte, sondern «Vorsorge- und Finanzspezialist KMU». Es sei «unglücklich», dass der Berater, der ein «ausgewiesener Vorsorge- und Finanzspezialist» sei, die Löschung nicht explizit bestätigt habe, schreibt Swiss Life. Er habe diese jedoch in die Wege geleitet. Der Anbahnungsprozess sei korrekt erfolgt. Die Einreichung von persönlichen Unterlagen wie Steuererklärung oder Lohnausweis sei «unabdingbar». «Dies ist ein gängiges Vorgehen in der Branche.» Wirklich?

Beim Vermittler Moneypark zum Beispiel werden diese Daten erst zu einem späteren Zeitpunkt und nach einem persönlichen Gespräch verlangt. Zuerst gibt der Kunde mündlich und ohne Belege an, wie es um seine Einkünfte und Vermögenverhältnisse steht. Erst wenn es um die verbindliche Offerte geht, werden Belege eingefordert. Dabei sind nicht in jedem Fall so exzessiv viele Unterlagen nötig wie bei Swiss Life. Denn wenn jemand über ein grosses Depot verfügt, können gewisse Angaben vollständig wegfallen. Das wird vorgängig im Gespräch ausgelotet.

Swiss Life schreibt: Die Gutschein-Aktion erhielt «viel Zuspruch». Es sei nicht auszuschliessen, dass weitere Generalagenturen ähnliche Aktionen durchführen würden.