Auf eine Präsidentschaftskandidatur verzichtete er zwar, angeblich nach einer längeren Bedenkzeit. Dennoch will sich der Chef der Grossbank JP Morgan Chase künftig stärker in die politische Debatte einmischen. Jamie Dimon steht mehr als 13 Jahre an der Spitze des Konzerns. Als erstes Thema hat sich der 63-Jährige ausgerechnet eines der aktuell heissesten Eisen ausgesucht: Die Diskussion um den Zustand des Kapitalismus amerikanischer Prägung.

In seinem jährlich publizierten Aktionärsbrief – der einen ähnlichen Status geniesst wie Warren Buffetts Betrachtungen zum Zustand der US-Wirtschaft – zeichnete Dimon zu Monatsbeginn ein recht ungeschminktes Bild. Amerika sei zwar immer noch ein florierendes Land mit einer höchst dynamischen Volkswirtschaft. Aber Indikatoren wie Lohnstatistiken deuteten darauf hin, dass davon immer weniger Bewohner profitierten. Die sozialen Bedürfnisse von viel zu vielen Bürgern würden nicht mehr erfüllt, findet Dimon.

Für diese Entwicklung trügen auch erfolgreiche Grossunternehmen eine gewisse Verantwortung. Denn allzu lange hätten diese Firmen «viele Probleme, mit denen sich unsere Gesellschaft konfrontiert sieht», ignoriert. So könne es nicht weitergehen, sagt der Banker. Erfolgreiche Firmen müssten mithelfen, Lösungen zu suchen – weil es nicht möglich sei, Fortschritte zu machen, ohne die Stützen der Wirtschaft in die Debatte einzubeziehen.

Dimon ist nicht der einzige Wirtschaftsführer, der derzeit die Alarmglocke läutet. So protestierte Abigail Disney, eine Verwandte des Gründers des Unterhaltungskonzerns Walt Disney, in einem Beitrag in der «Washington Post» gegen die exzessive Entschädigung des Disney-Geschäftsführers Robert Iger. Dieser verdiente im vorigen Jahr mehr als 68 Millionen Dollar.

Ray Dalio, Gründer des Hedge Fund Bridgewater Associates, der 150 Milliarden Dollar verwaltet, meldete sich kürzlich mit einer recht pointierten Kritik an der Unternehmenswelt zu Wort. Der 69-jährige Multimilliardär schrieb in einem selbstpublizierten Manifest, «alle guten Dinge» müssten sich ständig weiterentwickeln, sonst drohe die Selbstzerstörung. «Dies gilt nun auch für den Kapitalismus», der in den Augen einer Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung nicht mehr funktioniere.

Demokrat oder Extremist?

In der Tat gibt es Hinweise darauf, dass sich die Liebesaffäre zwischen der Bevölkerung und dem Kapitalismus abkühlt. So findet eine Mehrheit der jungen Amerikaner mittlerweile, dass der Staat die Pflicht habe, arme Menschen unentgeltlich mit einer Unterkunft, mit Nahrung und mit einem Versicherungsschutz zu versorgen, wie der neusten Ausgabe des IOP Harvard Poll zu entnehmen ist. Immerhin 29 Prozent der 18- bis 29-jährigen Amerikaner sagen, dass die wirtschaftliche Ungleichheit in Amerika treffend mit dem Begriff «Krise» beschrieben werden könne.

Dies hat auch Folgen auf den öffentlichen Diskurs. So bezeichnen sich national bekannte Politiker mittlerweile wieder als «Sozialist» oder als «Demokratische Sozialistin», obwohl sie damit Gefahr laufen, vom politischen Gegner als Extremisten bezeichnet zu werden. Im amerikanischen Englisch werden die Begriffe «Socialism» und «Communism» häufig deckungsgleich verwendet. Bereits ziehen Forscher Vergleiche zur Weltwirtschaftskrise in den 1930-Jahren, als der Kapitalismus von links und rechts unter Druck kam und Populisten erstaunliche Wahlerfolge feierten.

Apple-Chef spendete für Clinton

Offen ist, ob die Versuche kapitalistischer Aushängeschilder wie Jamie Dimon den Kapitalismus zu verteidigen und zu reformieren, Früchte tragen werden. Dimon sagt von sich selber, er sei im Herzen ein Demokrat, obwohl sein Gehirn ihm das Gegenteil sage.

Amerikaner sind sich Einmischungsversuche bekannter Manager gewohnt und stehen dem politischen Aktivismus führender Unternehmer grundsätzlich positiv gegenüber, vor allem wenn Grundsatzfragen debattiert werden. So rührte Warren Buffett im Wahlkampf 2016 die Werbetrommel für Hillary Clinton. Und Apple-Konzernchef Tim Cook spendete Geld für die Demokratin. Obwohl Buffett aber als Ikone des Kapitalismus gilt und die Produkte Cooks in Millionen von Haushaltungen präsent sind, verlor Clinton die Wahl. Mit Sonntagsreden ist es also nicht getan.