Kommentar

Von der Bank zum Rückversicherer: Sergio Ermotti wird vom «Mr. Finanzplatz» als Nachfolger bei Swiss Re inthronisiert

Der scheidende UBS-Chef Sergio Ermotti.

Der scheidende UBS-Chef Sergio Ermotti.

Der scheidende UBS-Chef Sergio Ermotti wird Walter Kielholz als Präsidenten der Swiss Re beerben. Die lange Liaison des Rückversicherers mit der Credit Suisse ist am Ende.

Das Personalkarussell an der Spitze des Schweizer Finanzplatzes dreht sich in hohem Tempo. Nur eine Woche nachdem UBS-Chef Sergio Ermotti seinen Rückzug bei der grössten Schweizer Bank angekündigt hat, ist er bereits auf dem Weg zum nächsten Top-Job. Im April soll der Tessiner in den Verwaltungsrat von Swiss Re gewählt werden, damit er dort im Jahr darauf den langjährigen Präsidenten Walter Kielholz beerben kann.

Die Rochade sieht ganz nach einem jener Masterpläne aus, mit denen Kielholz seit Jahren die Fäden auf dem Schweizer Finanzplatz zieht. René Lüchinger, ehemaliger Chefredaktor von «Facts» und «Blick» bezeichnete den 69-jährigen Zürcher in einer 2012 erschienen autorisierten Biografie als «die wohl bedeutendste Persönlichkeit der Schweizer Finanzindustrie».

Walter B. Kielholz, Verwaltungsrat des Rückversicherers SwissRe.

Walter B. Kielholz, Verwaltungsrat des Rückversicherers SwissRe.

Der Banker Ermotti ist alles andere als eine offensichtliche Wahl für das Präsidium eines Rückversicherers. Auf einer Telefonkonferenz für Journalisten bemühte sich Kielholz zwar nach Kräften, Parallelen zwischen dem Bankgeschäft und dem Rückversicherungsgeschäft zu ziehen. Doch die grossen Unterschiede sind offenkundig:

Kielholz hat es nicht geschafft, intern einen starken Nachfolger aufzubauen

Die Rückversicherer haben es mit einer vergleichsweise kleinen Zahl von institutionellen Kunden zu tun. Die Banken verkaufen ihre Leistungen dagegen an viele kleine und grössere Privatkunden. Während Banken primär mit dem Kapital ihrer Kunden arbeiten und diesen entsprechende Sicherheiten bieten müssen, decken Rückversicherer die Risiken ihrer Kunden primär mit eigenem Kapital. Die UBS figuriert mit ihren 68'000 Angestellten etwa auf dem 30. Rang der weltgrössten Banken. Swiss Re zählt 15'000 Mitarbeitende und ist im kleinen Club der globalen Rückversicherer die Nummer zwei unmittelbar hinter Munich Re.

Kielholz sprach von «persönlichen» und «familiären» Gründen um zu erklären, weshalb das Gremium keinen Nachfolger aus den eigenen Reihen bestellen konnte. Doch konzernintern weiss man schon lange, dass der derzeitige Vizepräsident und frühere Credit-Suisse-Finanzchef Renato Fassbind für das Amt nicht in Frage kommt. Warum also ausgerechnet Ermotti? In der kleinen Welt der Rückversicherer sei es nicht einfach, erfahrene Leute für einen solchen Job zu finden. Eine Rekrutierung von der Konkurrenz wäre «abenteuerlich», sagte Kielholz.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich hat es Kielholz nicht verstanden, im eigenen Unternehmen einen starken Nachfolger aufzubauen. Starke Figuren haben bekanntermassen einen schweren Stand neben dem Mr. Finanzplatz. Ein Lied davon könnte Oswald Grübel singen. Der frühere Credit-Suisse- und UBS-Chef war 2002 vier Monate nach seiner Wahl in den Swiss-Re-Verwaltungsrat wieder ausgetreten. Der «no-nonsense-character», wie die «Financial Times» den einstiegen Top-Banker einmal beschrieben hatte, verträgt sich bekanntermassen schlecht mit dem Charakter von Kielholz, der joviale und intellektuell brillante Auftritte liebt.

Ermotti könnten sich neue Karrieremöglichkeiten eröffnen

Auch Ermotti und Kielholz sind ziemlich gegensätzliche Persönlichkeiten. Hier der ehemalige KV-Stift, der es mit Fleiss, Schlauheit und einem sicheren Instinkt an die Spitze der grössten Schweizer Bank gebracht hat. Dort der feinsinnige Kunstliebhaber und Freund des Zürcher Freisinns, der weniger die grosse Volksbühne sucht, sondern sich lieber im exklusiven Kleintheater unter seinesgleichen inszeniert.

Doch der Vertrag ist für beide eine grosse Chance. Für den 60-jährigen Tessiner kann das Leben als Spitzenvertreter des Schweizer Finanzplatzes nach der UBS nahtlos weitergehen. Zwar wird er seine Ambitionen auf das Präsidium der Grossbank mindestens vorerst beerdigen müssen, weil ein zweites Top-Präsidium neben dem 70-Prozent-Job bei Swiss Re nicht möglich sei, wie Kielholz betonte. Doch auf längere Sicht könnten sich Ermotti von der Swiss-Re-Plattform durchaus neue, attraktive Karrieremöglichkeiten eröffnen.

Kielholz seinerseits kann seine lange Laufbahn mit einem Paukenschlag beenden und einen Mann inthronisieren, der das Zeug zum nächsten Mr. Finanzplatz besitzt. Noch einmal kann der langjährige «Patron» des Rückversicherers mit einem Schachzug die Finanzwelt in Erstaunen versetzen.

Zwischen Swiss Re und Credit Suisse besteht eine lange Verbindung

Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse

Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse

Einen schlechten Tag erlebt dagegen der amtierende Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner, dessen Mandat im kommenden Jahr zum Ende kommt. Auch der 60-jährige Rechtsanwalt dürfte sich für die Zeit danach gewisse Hoffnungen auf den Swiss-Re-Posten und damit auf eine Fortsetzung seiner Laufbahn in einer führenden Rolle auf dem Finanzplatz gemacht haben. Umso mehr, als zwischen der Credit Suisse und der Swiss Re eine lange Verbindung besteht. Die Credit Suisse stand der Swiss Re schon bei deren Gründung vor 150 Jahren Pate.

Als die Grossbank im Krisenjahr 2003 einen Nachfolger für den Präsidenten und CEO Lukas Mühlemann suchte, war Kielholz zur Stelle. Dieser legte dafür sein Mandat als Swiss-Re-Chef nieder, übernahm dort aber die Position eines exekutiven Vizepräsidenten. Während sechs Jahren füllte Kielholz diese Doppelfunktion bei der Credit Suisse und bei der Swiss Re aus. Es war vor allem diese Zeit, in der er sich den Ruf als «Mr. Finanzplatz» erschaffen hatte. Die historische Verbindung der beiden Finanzinstitute sei eine Tatsache, räumte Kielholz ein. Aber die Zeiten hätten sich «radikal verändert» betonte er. Eines der letzten Puzzleteile der einstigen «Schweiz AG», in der sich Konzerne über gegenseitige Verflechtungen selber kontrollierten, ist heute entfernt worden.

Kielholz übergibt Ermotti ein Unternehmen, das weit von seiner Bestform entfernt ist. Der Konzerngewinn der Swiss Re blieb mit 730 Millionen Franken im vergangen Jahr weit hinter jenem der Münchner Rivalin (2700 Millionen Euro) zurück und die Eigenkapitalrendite der Swiss Re bewegt sich seit drei Jahren zwischen völlig ungenügenden 1 Prozent und 2,5 Prozent.

Autor

Daniel Zulauf

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