Sven Millischer

«Eine Aktie namens Lotti», so wirbt Landwirt Guido Leutenegger für die vierbeinige Kapitalanlage. Sein Kuh-Investment kennt klare Spielregeln: Wer 2500 Franken bezahlt, der bekommt eine jährliche Fleisch-Dividende im Wert von 350 Franken - und das über die nächsten zehn Jahre. «Eine saftige Rendite von 8 bis 8,5 Prozent per annum», sagt Leutenegger.

All die Entrecôtes, Hohrückensteaks, Filets oder Mostbröckli stammen von Hochlandrindern im Tessin. Zwischen Centovalli und Val Colla betreut Leutenegger eine Herde von 370 Tieren. Die robusten Rindviecher grasen auf einer Fläche, so gross wie zwei Drittel des Kantons Basel-Stadt. Zumeist nährstoffarme Böden, die niemand bewirtschaften will und die zu verbuschen drohen. Mit seinen Hochlandrindern betreibt Leutenegger also Landschaftspflege unter Umgehung des Zwischenhandels: «Mir ist wichtig zu wissen, wen ich mit Fleisch beliefere», sagt der gebürtige Ostschweizer. Er schätze das direkte Feedback der Abnehmer.

Manche seiner Investoren würden extra ins Tessin reisen, um ihre Tiere zu begutachten: «Das ist etwas komplett anderes, als einfach vakuumiertes Fleisch aus der Kühltheke zu greifen.» Rund 60 Privatpersonen setzen bisher auf das Kuh-Investement. Sie machen rund einen Drittel des Umsatzes von 300 000 Franken aus, der Rest verteilt sich auf die Belieferung von Gastrobetrieben. Trotz zusätzlichem Marketing- und Logistik-Aufwand ist Landwirt Leutenegger zufrieden: «Die Privaten sichern mir langfristig den Absatz». Und mit dem frischen Kapital könne er seine Herde weiter aufstocken.

Das krumme Rübli gerade lassen

Das Tessiner Kuh-Investement ist nur ein Beispiel für Vertragslandwirtschaft, die Konsumenten und Produzenten zusammenbringt. Ein Pionierbetrieb in der Deutschschweiz ist der Birsmattehof in Therwil BL. Seit 1980 betreibt ihn die Genossenschaft Agrico mit heute rund 400 Mitgliedern. Diese zeichnen einen Anteilschein von mindestens 500 Franken und verpflichten sich, jährlich bis zu zwölf Stunden auf dem Hof mitzuhelfen.

Im Gegenzug erhalten die Genossenschafter vergünstigt Körbe mit saisonalem Gemüse, die wöchentlich über knapp 40 Depots im Raum Basel abgegeben werden. Er schätze den direkten Vertrieb, sagt Alexander Tanner vom Birsmattehof: Die Einnahmen liessen sich besser kalkulieren. Auch wachse bei den Konsumenten das Verständnis für die landwirtschaftliche Produktion: «Das Rüebli darf auch mal krumm sein.» Denn nicht nur optisch tadellose Ware zähle etwas, sondern auch andere Qualitätskriterien wie Geschmack oder nachhaltiger Anbau in der Region. Dies im Gegensatz zum Zwischenhandel, der normierte Ware verlange.

Saisonales Gemüse im Abo bedeute aber auch, dass sich je nach Witterung die Ernte verzögert und damit das Angebot geringer ausfällt: «Aufgrund des strengen Winter mussten wir unsere Kunden informieren», sagt Tanner. Doch in einer guten Saison sei das Angebot entsprechend reichhaltiger, ohne dass die Konsumenten mehr dafür bezahlen müssten.

Die Ernteausfälle teilen

Auch Michael Beyer vom Verein Soliterre, der regionale Vertragslandwirtschaft im Raum Bern betreibt, kennt saisonale Schwankungen: «Gerade im Frühjahr, in der Übergangszeit, ist es anspruchsvoll, wöchentlich ein attraktives Gemüseangebot bereitzustellen.» Dennoch sei das Geschäftsmodell für beiden Seiten lohnenswert: Die Produzenten lösen Preise, die kostendeckend sind, indem das Risiko von Ernteausfällen geteilt wird.

Im Gegenzug würden die privaten Abnehmer wöchentlich von einem vielfältigen Angebot profitieren: «Die Bauern können seltene oder lagerempfindliche Gemüsesorten anpflanzen, an denen Grossverteiler oder der Zwischenhandel nicht interessiert sind.» Und zugleich erhielten die Konsumenten ihre Ernährungssouveränität zurück, sagt Beyer: «Ich weiss, was ich esse, woher es kommt und wie es produziert wurde.»