Geldpolitik

Von wegen wirkungslose Notenbanken! – 2019 war für Investoren ein Spitzenjahr

Was sie 2019 taten, bewegte die Aktienmärkte:  Thomas Jordan, Mario Draghi und Jerome Powell (v.l.).

Was sie 2019 taten, bewegte die Aktienmärkte: Thomas Jordan, Mario Draghi und Jerome Powell (v.l.).

Die globale Tiefzinspolitik bescherte den Schweizer Aktieninvestoren ein weiteres Spitzenjahr. Es war gar das beste seit 14 Jahren.

Die expansive Geldpolitik der grossen Notenbanken verliert zunehmend an Wirkung. So geht das Argument jener Kreise, die schon lange und immer lauter eine «Normalisierung» der Zinslandschaft fordern. Doch der Rückblick auf das Börsenjahr 2019 zeigt, dass die Währungshüter mindestens auf das Geschehen in den Finanzmärkten nach wie vor einen überragenden Einfluss ausüben.

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Der globale Aktienindex MSCI, der die nach Marktkapitalisierung gewichtete Entwicklung der meisten Börsen dieser Welt abbildet, verzeichnete in den zurückliegenden zwölf Monaten einen Fortschritt um nahezu ein Viertel. Den grössten Anteil an dieser Performance hatten die amerikanischen Börsen, die fast zwei Drittel des Weltindex repräsentieren.

Eine Überraschung ist das nicht. Denn in Amerika wurden heuer auch die geldpolitisch wichtigsten Weichen gestellt. 2018 hatte die US-Notenbank viermal den Leitzins erhöht und damit den Ärger des Präsidenten Donald Trump auf sich gezogen. Dieser erkannte sehr wohl, dass seine konfrontative Handelspolitik auch der amerikanischen Wirtschaft nicht gut bekam. In Vorwegnahme des erlahmenden Wachstums gerieten im Herbst 2018 auch die Aktienkurse stark ins Rutschen.

Mit seinen berüchtigten Twitter-­Attacken nahm Trump den von ihm ­ernannten Notenbankchef Jerome Powell immer schärfer in die Kritik, um ihn zu einer Kursänderung zu bewegen. Dieser reagierte zunächst störrisch und zog am 19. Dezember 2018 die Zinsschraube gar noch einmal um eine Vierteldrehung an. Allerdings machte Powell schon damals klar, dass ein Zwischenhalt auf dem Weg zur Normalisierung des Zinsniveaus nötig werden könnte.

Zinssenkung in den USA verunsichert Anleger

Die Investoren witterten Morgenluft, und sie sollten Recht bekommen. In der ersten Hälfte 2019 hielt das Federal Reserve still und bremste so den konjunkturellen Abschwung. Der Optimismus kehrte in die Märkte zurück, und die Aktienkurse erholten sich. Doch das Wachstum blieb schwach und die Stimmung fragil.

Als der US-Notenbankchef und dessen Gremium im Sommer den Leitzins sogar senkten, zum ersten Mal seit den dunklen Zeiten der Finanzkrise notabene, zeigten sich die Investoren zunächst vielmehr verunsichert als erfreut. Welche Warnsignale sieht das Fed, die wir nicht sehen? Diese Frage stellten sich viele besorgte Anleger.

Die Zuversicht war weg, und die Aktienkurse kamen nicht mehr vom Fleck. Für zusätzliche Verunsicherung sorgte auch die Wirtschaftsentwicklung in Europa. Die sich rasch und immer deutlicher abzeichnende Krise der deutschen Automobilindustrie drohte die grösste Volkswirtschaft Europas in eine Rezession zu stürzen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) sah sich im September ebenfalls veranlasst zu handeln. Sechs Wochen bevor Mario Draghi seinen Stuhl als EZB-Präsident der vormaligen französischen IWF-Chefin Christine Lagarde überliess, zeigte der Italiener noch einmal, was er in seinen acht Jahren als Euro-Hüter gelernt hat und wofür man ihn in Europa noch lange in Erinnerung behalten wird: Am 12. September drückte er nicht nur den Einlagenzins für Geschäftsbanken weiter ins Minus (auf –0,5 Prozent). Vielmehr kündigte er per Anfang November die Wiederaufnahme jenes mehrjährigen Anleihenkaufprogrammes an, das er nur knapp neun Monate zuvor beendet hatte.

Die Angst vor einem konjunkturellen Einbruch hielt die Investoren nicht nur davon ab, in die Aktienmärkte zurückzukehren. Sie suchten vielmehr wieder die sicheren Häfen auf, um sich vor einem herannahenden Sturm zu schützen. Für diese Sicherheit waren sie bereit einen hohen Preis zu zahlen. Am 19. August erreichte die Rendite von Bundesobligationen der Eidgenossenschaft mit zehnjähriger Laufzeit ein Allzeittief von –1,052 Prozent. Der Euro, der im Frühjahr noch 1,13 Franken gekostet hatte, verbilligte sich Anfang September trotz Gegenwehr der Nationalbank auf nur noch 1,08 Franken.

Trotz der gespannten Lage verzichtete die Nationalbank im September aber darauf, den Negativzins weiter zu senken. Stattdessen verschaffte sie den Banken mit einer Erhöhung der strafzinslosen Freibeträge Erleichterung.

Der Mut der Notenbanker wurde belohnt. Die deutsche Wirtschaft ist vorerst an einer Rezession vorbeigeschrammt, und in Amerika haben zwei weitere Leitzinssenkungen im September und Ende Oktober der Wirtschaft frischen Schwung gegeben.

Bester Börsenabschluss seit 14 Jahren

Die Hoffnung auf eine handelspolitische Entspannung gab den Aktienbörsen im Schlussquartal des Jahres zusätzlichen Auftrieb, sodass ein Jahr voller überraschender Wendungen ein für die Investoren gutes Ende nahm.

Für die Investoren im Schweizer Aktienmarkt resultierte das beste Jahr seit 2005. Der Swiss-Performance-­Index verzeichnete eine Zunahme um rund 30 Prozent – getrieben vor allem von den Aktien höchstkapitalisierten Werte wie Nestlé (+30 Prozent), Roche (+25 Prozent) oder Novartis (+24 Prozent). Zwar vermochten zuletzt auch Aktien kleinerer Unternehmen deutlich aufzuholen.

Doch 2019 wird klar als Jahr der Blue-Chips in die Annalen der Börse eingehen. Der Performance-Mittelwert (Median) der knapp 220 im Swiss-Performance-Index enthaltenen Titel liegt bei nur rund 12 Prozent, was die besagte Beobachtung deutlich unterstreicht. Freilich konnte man 2018 auch in der Schweiz mit Aktien Geld verlieren. Immerhin rund 60 Titel beschlossen das Jahr im Minus. Es waren bezeichnenderweise fast nur Aktien von kleineren Firmen.

Die grössten Unternehmen haben 2019 auch anderweitig die Börse überstrahlt. Apple, die mit einem Börsenwert von über 1200 Milliarden Dollar teuerste Publikumsgesellschaft der Welt, erfuhr 2019 einen weiteren Wertzuwachs um sage und schreibe fast 80 Prozent. Auch der Wert von Microsoft ist in der gleichen Zeit um über 50 Prozent gestiegen, sodass auch dieses Unternehmen die Billionen-Marke überschreiten konnte.

Bei Amazon ging es heuer etwas gemächlicher vorwärts (+20 Prozent). Doch mit einem Börsenwert von nahezu 900 Millionen Dollar steht der Onlinehändler ebenfalls kurz vor dem Sprung über den 1000-Milliarden-Dollar-Strich.

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