Schneesport

Wärmerekord: Braun und Grün statt weisser Pracht auf den Skipisten

Kleine Skifahrer am Kinderskilift Bischofsberg AR auf 900 Metern über Meer.

Kleine Skifahrer am Kinderskilift Bischofsberg AR auf 900 Metern über Meer.

Ein Winter der Gegensätze: Hoch gelegene Bergbahnen freuen sich über steigende Gästezahlen, in tieferen Lagen heisst es oft: «Noch nicht in Betrieb wegen Schneemangel.»

Skiweltmeister Beat Feuz schaut regelmässig auf die Webcam, welche die Pisten von Bumbach-Schangnau BE zeigt. In diesem Skigebiet wuchs er auf, dort stand er das erste Mal auf Ski. Doch mitten im Februar war auf den Bildern wenig von Winter zu sehen. Die Anlage stand wegen durchnässter Piste tagelang still. Lediglich der Kinderlift war noch in Betrieb. Vater Hans Feuz, der den Betrieb leitet, fasst die Saison kurz so zusammen: «Miserabel!».

Bumbach-Schangnau leidet wie alle tief gelegenen Bergbahnen unter einem Winter, der laut Meteo Schweiz bisher «ein gefühlter Totalausfall» war. Noch bis Ende Februar sei kein Winter in Sicht. Es ist die Folge eines neuerlichen Klimaextrems. Dieser Winter bricht wiederum Wärmerekorde. Der bisherige Höchstwert von 2007 wird deutlich überboten. Meteo Schweiz sagt voraus: «Das wird ein Rekordwinter.»

«Es gibt diesen Winter auch Verlierer»

Die Folge ist ein Winter der Gegensätze. Oben die grossen Bergbahnen, deren Umsätze weiter in die Höhe gehen – dank Sonnenschein und Schneekanonen. Unten sind kleine und mittelgrosse Bahnen, bei denen der Schnee gerade so für den Kinderlift reicht. Der Verband Seilbahnen Schweiz schreibt: «Es gibt diesen Winter auch Verlierer.»

Die höher gelegenen Gewinner verzeichneten bis Ende Januar bei den Gästezahlen ein Plus von gut 18 Prozent über dem Fünfjahresdurchschnitt, so Seilbahnen Schweiz. Auch die neusten Finanzzahlen glänzen. Die Hälfte der Bahnen erreicht Rekordumsätze. Dank ihrer Höhe – Laax etwa bis zu 3018 Meter, Zermatt bis 3883 Meter – schmilzt ihnen der Kunstschnee nicht weg.

Hingegen konnte Hans Feuz die Anlagen erst spät starten. In den wenigen kalten Tagen liess sich nur die Hälfte der Pisten beschneien. Ein Lift erreichte bislang gut 25 Betriebstage, der andere nicht mal das. Der Kinderlift laufe super. «Aber das allein reicht nicht zum Überleben.» Bumbach-Schangnau, das von 920 bis 1365 Meter über Meer reicht, ist an sich vor den Launen des Wetters gut geschützt. Die Lifte liegen an einem Nordhang. Fällt Schnee, bleibt er liegen. Und mit schneearmen Wintern hat man leben gelernt. Doch dieses Jahr hilft alles nichts. Einen solchen Winter habe er noch nicht erlebt, so Feuz. «Sonst gibt es zumindest immer ein paar kalte Tage. Doch diesen Winter war es kaum je richtig kalt.»

«Noch nicht in Betrieb wegen Schneemangel»

Den gefühlten Totalausfall erlebt auch der Skilift Degersheim SG, der auf 1020 Meter führt. Der Lift war den ganzen Winter nicht in Betrieb. Nur der Ponylift für die Kleinsten lief an einem Mittwochnachmittag. «Als es fünf Zentimeter Schnee gab, stampften wir mit den Füssen eine Art Piste, damit wenigstens die Kleinsten mal zwei Stunden ein bisschen fahren konnten», sagt Präsident Urs Stutz. 20 bis 25 Betriebstage wären mindestens nötig, um eine schwarze Null zu schreiben.

«Noch nicht in Betrieb wegen Schneemangel», meldet das Skigebiet Les Prés-d’Orvin, das nordöstlich von Biel auf 1000 bis 1300 Metern liegt. Betriebstage in der laufenden Wintersaison: null. Die Stationen im regionalen Seilbahnverband Arc jurassien im Waadtländer, Neuenburger und Berner Jura kommen pro Wintersaison auf durchschnittlich 60 bis 70 Betriebs­tage. «Es ist desaströs, diesen Winter ­waren von 18 Stationen nur 2 zeitweise offen», sagt Jean-François Léchot. Eine der beiden Stationen kam auf bloss 10 Betriebstage.

Bumbach-Schangnau, Degersheim oder Les Prés-d’Orvin – ihr desaströser Winter liegt im Trend. «Unter 2000 Metern wird es ohne künstliche Beschneiung von Jahr zu Jahr schwieriger, auf eine ausreichende Zahl von Skitagen zu kommen», sagt Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern. Voralpine und Jura-Skigebiete stünden unter enormem Druck.

Insofern ist das heile Bild trügerisch, dass die boomenden Gästezahlen vermitteln. Es stimmt zwar: Diese Saison verbuchen grössere Skigebiete in der Schweiz eine zweistellige Zunahme. Damit ist der Negativtrend tatsächlich gebrochen. Doch dahinter verbirgt sich eine Stagnation: Das Niveau von 2008/2009 bleibt weit entfernt. Und die Gesamtzahlen verdecken laut Stettler eine schrittweise Verschiebung: aus den tieferen Skigebieten zu den höher gelegenen Branchenführern.

Als Ausweg gilt die Verlagerung zum Sommergeschäft. Stettler erachtet dies als überlebenswichtig, zugleich als «extrem anspruchsvoll». Eine Skifahrerin zahlt 50 bis 70 Franken für eine Tageskarte. Wanderer kaufen meist eine einzige Berg- oder Talfahrt, die zudem viel weniger kostet. Entsprechend tiefer sind die Erträge im Sommer.

Für Bumbach-Schangnau zum Beispiel sieht Hans Feuz kaum Spielraum. Mehr Schneekanonen seien nicht möglich. Dem stellt sich der Naturschutz wegen der Nähe von Skiliften und Pisten zu geschützten Moorlandschaften entgegen. Ausbauen lasse sich das Sommergeschäft kaum. Das Skigebiet hat nur Bügellifte, keinen Sessellift.

Was wird aus den Ausbildungshügeln?

Wie es gelingen kann, zeigt sich im Kanton Schwyz. Die Bergbahn Sattel-Hochstuckli, 800 bis 1600 Meter über Meer gelegen, verdient im Sommer schon 55 bis 60 Prozent des Umsatzes: mit Trotti-­Trekking, Bogenschiessen oder Ballonfiesta. Man ist erfinderisch und flink. Weil der Schnee lange ausblieb, nahm Geschäftsführer Marcel Murri bereits am 26. Dezember die Sommerrodelbahn in ­Betrieb.

Doch gänzlich befreien von den Wetterlaunen kann man sich nicht. Bis Ende Januar waren die Gästezahlen 30 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt, zum Leidwesen des Personals. Von 100 Personen auf der Lohnliste sind 80 im Stundenlohn auf Abruf angestellt. Oft sind es Studenten, Pensionierte, Hausfrauen oder Landwirte. Viele verdienen diesen Winter wenig. Immerhin, so Murri: Solange es nur um einen Nebenerwerb gehe, kämen die Leute über die Runden.

Am Schnee mangelt es, aber nicht an Beliebtheit. Murri ist selber erstaunt, dass die Anzahl Skifahrer in den letzten Jahren hoch blieb, wann immer es ausreichend Schnee hatte. Das zeige: Preiswerte Skigebiete in der Nähe von Zentren würden von Familien und Anfänger noch immer gern besucht. Als Ausbildungshügel sind sie wichtig für die Gesamtbranche. Stettler: «Kinder lernen dort Skifahren, entwickeln Freude am Wintersport – das sichert grossen alpinen Gebieten den Nachwuchs.»

Diese Ausbildungshügel werden gefährdet, wenn die Klimaerwärmung wie bisher voranschreitet. Die Zahl der Skitage sinkt. Und damit auch die Einnahmen. Dann stellen sich Fragen. Wie lange bleibt man im Winter investiert? Lohnt sich die teure Beschneiung? Was trägt die öffentliche Hand bei? Irgendwann sind Grenzen erreicht.

Wenn die öffentliche Hand nicht mehr zahlen will

Vor einem Jahr gingen die Bergbahnen in Charmey FR in Konkurs. Die öffentliche Hand hatte es abgelehnt, rund 600'000 Franken einzuschiessen. Erst als die Gemeinde einer Nachfolge­gesellschaft mit jährlich 250'000 Franken unter die Arme griff, war der Betrieb wieder möglich – aber derzeit fehlt auch dort der Schnee.

In Degersheim zahlt die Gemeinde 20'000 Franken pro Jahr, damit der Skilift zumindest einen Teil der Fixkosten decken kann. Letztes Jahr sei mit 46 Betriebstagen sehr gut gelaufen, sagt Stutz. Doch der Skilift schiebe seit Jahrzehnten einen Verlustvortrag vor sich her: «Drei Winter wie diesen überstehen wir nicht.»

Dass einige Bergbahnen aufgeben, hält Stettler für unausweichlich. Als Auslöser sieht er, wenn die Erneuerung von Anlagen fällig ist: «Dann muss jedes Gebiet für sich entscheiden: Wollen wir uns das leisten und können wir uns das überhaupt leisten?»

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