Am Morgen des 15. Januars 2015 spielten sich an den Devisenmärkten teilweise tumultartige Szenen ab. Nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) überraschend das Ende des Euro-Mindestkurses von Fr. 1.20 verkündete, wurde der Euro im frühen Handel zeitweise sogar unter 80 Rappen gehandelt. Die währungsseitigen Verwerfungen blieben nicht ohne Folgen für den Schweizer Aktienmarkt. Am Swiss Market Index (SMI) gemessen, ging letzterer um 9 Prozent tiefer aus dem Handel. Der starke Franken werde die Schweizer Exportwirtschaft und mit ihr viele Unternehmen ins Verderben stürzen, so die Angst damals. Am stärksten abgestraft wurden denn am 15. Januar 2015 auch die Aktientitel von Unternehmen mit einem hohen Umsatzbeitrag aus dem Ausland bei gleichzeitig hohen, in Franken anfallenden Kosten.

Erster Schock rasch verdaut

Mittlerweile ist die Aufhebung des Mindestkurses vier Jahre her. Im April vergangenen Jahres stieg der Euro-Franken-Wechselkurs kurzzeitig auf 1,2005 und damit über den einstigen Mindestkurs. Die Einheitswährung hat seither wieder deutlich verloren. Die Schweizer Exportwirtschaft hat sich im Allgemeinen mit dem starken Franken zu arrangieren gelernt und ihre Kostenstrukturen entsprechend angepasst. In den Monaten nach dem Ende des Euro-Mindestkurses mussten einige stark betroffene Unternehmen Kurzarbeit einführen oder verlagerten Arbeitsplätze ins Ausland. Etliche Firmen gingen aber auch in Konkurs.

Heute läuft die Schweizer Wirtschaft wieder auf Hochtouren. Nach zwei Jahren mit einem Wachstum des Bruttoinlandproduktes von 1,6 Prozent erwarten Ökonomen fürs soeben zu Ende gegangene 2018 gar eine Wachstumsbeschleunigung auf 2,6 Prozent. Und die Arbeitslosenrate war mit einem Jahresmittel von 2,6 Prozent letztes Jahr so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Auch am Schweizer Aktienmarkt gingen die Akteure wieder zum Courant normal über. Tauchte der SMI am 16. Januar 2015 vorübergehend in die Nähe von 7850 Punkten ab, erklomm er etwas mehr als zwei Monate später bereits wieder ein neues Jahreshoch. Ende Januar 2018 schrieb das Börsenbarometer dann gar Geschichte und stieg mit 9616 über das Rekordhoch aus der Zeit unmittelbar vor Ausbruch der Finanzkrise von 2007/08.

An die Aufgabe des Euro-Mindestkurses erinnern neben der aufgeblähten Bilanz der SNB die negativen Einlagezinsen für die Geschäftsbanken. Die SNB hatte die Negativzinsen am 15. Januar 2015 nochmals erhöht, seither liegen sie bei minus 0,75 Prozent.

Ende November 2018 lag die Bilanzsumme der SNB bei rund 827 Milliarden Franken. Davon entfielen 775 Milliarden Franken auf Fremdwährungsreserven. Die letzten milliardenschweren Devisenmarktinterventionen gehen nachweisbar in den Frühling 2017 zurück. Damals notierte der Euro-Franken-Wechselkurs beinahe 5 Prozent tiefer als heute.

Kritik an SNB-Politik lauter

Dennoch scheint es die SNB den Exponenten aus Politik und Wirtschaft nicht recht machen zu können. Galt die Kritik vor vier Jahren noch dem überraschenden Ende des Euro-Mindestkurses, dreht sich diese mittlerweile um die aufgeblähte Bilanz der SNB sowie die unerwünschten Folgen der negativen Einlagezinsen – sprich den Anlagenotstand, der es insbesondere auch für die Sozialwerke schwierig macht, eine ausreichende Rendite zu erzielen, oder die Gefahr einer Überhitzung des Immobilienmarktes.

Experten rechnen frühestens in etwas mehr als einem Jahr mit einer ersten Leitzinserhöhung, wird die Schweizer Geldpolitik doch fremdbestimmt. Die SNB werde abwarten, bis die Europäische Zentralbank (EZB) mit Zinserhöhungen begonnen habe, sagen etwa die Experten der deutschen Commerzbank. Als weitere Grundvoraussetzung für eine Normalisierung der Geldpolitik in der Schweiz nennen diese zudem einen erneuten Vorstoss des Euro-Franken-Wechselkurses in die Region von 1.20.

Eine solche Abschwächung des Franken ist vermutlich aber nur dann zu erwarten, wenn sich die Weltwirtschaft weiterhin günstig entwickelt und weder die europakritische Politik Italiens noch die Währungsturbulenzen in den Schwellenländern oder die globalen Handelskonflikte zu einer wiedererwachten Nachfrage nach dem Franken als «sicherer Hafen» führen.

Für die SNB kommt erschwerend hinzu, dass es sich beim Euro-Franken-Wechselkurs bloss um einen Nebenschauplatz handelt. Die grossen Handelsvolumina konzentrieren sich auf das Kurspaar Euro/US-Dollar. Verschiebungen im transatlantischen Währungsgefüge – beispielsweise wegen einer steigenden oder fallenden Zinsdifferenz – schlagen unweigerlich auf den Wechselkurs des Frankens zum Euro und zum Dollar durch und befinden sich damit ausserhalb des Einflussbereichs der SNB. Das war in den vergangenen vier Jahren jedoch nicht anders.