Eines der zentralen Ereignisse in der Geschichte der Schweizer Wirtschaft fand am 2. Oktober 2001 statt. Um 15.45 Uhr stellte der damalige Swissair-Chef Mario Corti den Flugbetrieb seiner Fluglinie ein. Die Bar-Reserven waren am Ende. Die Terroranschläge vom 11. September hatten die nationale Fluggesellschaft zum Unterbruch des Nordatlantikverkehrs gezwungen. Das nahm ihr jede Hoffnung auf eine Rettung. Mit dem Ende der Swissair implodierte auch ein System, dass lange die Schweizer Wirtschaft beherrschte. Es war geprägt von Managern, die gegenseitig in den Firmen Einsitz nahmen. Böse Zungen sprachen damals von Filz.

Swissair-Grounding und Enron

In den USA tobte derweil der Skandal um den Energiekonzern Enron. Bilanzfälschungen führten zu einer der grössten Pleiten in der Geschichte der USA. Die grossen Aktionärsgruppen, allen voran die riesige, staatliche Pensionskasse aus Kalifornien, forderten neue Regulierungen. Das Wort «Corporate Governance» war plötzlich in aller Munde, die Frage also, wie sich Firmen richtig organisieren und transparent informieren sollen.

Auch hierzulande wurde die Forderung nach neuen Regeln immer lauter. 2002 reagierte der Dachverband der Wirtschaft, Economiesuisse, mit der Lancierung des nicht verpflichtenden Swiss Code of Best Practice für Corporate Governance, später folgte die Schweizer Börse mit obligatorischen Regeln für Firmen, deren Aktien an der Börse gehandelten werden. Erstmals wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht, wie viel etwa die Schweizer Manager verdienten.

Die Diskussion über die richtige Managerentlöhnung beschäftigte zunehmend auch die Politik. Mit dem Swissair-Grounding trat ein bisher nahezu unbekannter Unternehmer aufs nationale Parkett: Thomas Minder, der heutige Schaffhauser Ständerat. Der Zahnpasta-Produzent verlor mit dem Swissair-Grounding einen seiner wichtigsten Auftraggeber.

Eine Erfahrung, die für Minder zu einem Auslöser für seinen Kampf gegen das System wurde. «Es sind die pure Habgier, die Verfilzung einiger Wirtschaftskapitäne und der fehlende Hauptaktionär im Unternehmerstatus, welche plausible Antworten zum Wildwuchs gewisser Managerlöhne geben», schrieb er 2004 in einem Leserbrief. Später sammelte er Unterschriften für eine Initiative. 2013 kam dann die «Volksinitiative gegen die Abzockerei» zur Abstimmung. Mit 67,9 Prozent wurde sie angenommen.

Folgen der «Minder-Initiative»

Die grossen Unternehmen hierzulande müssen seither nicht nur Vergütungsberichte veröffentlichen. Sondern ihre obersten Gremien werden stärker in die Pflicht genommen: «Die Situation ist heute nicht mehr vergleichbar mit den Zuständen vor 15 Jahren», bilanziert Gabe Shawn Varges, Governance-Experte und Partner beim Beratungsunternehmen HCM. Die Professionalität in den Gremien habe tatsächlich zugenommen. Internationale Standards werden zunehmend eingehalten.

Die vielfach kritisierten Doppelmandate – Konzernchef und Verwaltungsratspräsident in Personalunion – sind zur Ausnahme geworden. Hier gilt Ernst Tanner, CEO und Verwaltungsrats-Präsident (VRP) beim Schokoladehersteller Lindt & Sprüngli, als eine Art Dinosaurier. Bis 2020 will er jedoch als Konzernchef zurücktreten.

Gleichzeitig entstand auch ein neuer Typus von Profi-Verwaltungsräten. Das sind Manager, die nach ihrer aktiven Zeit ihr Wissen in den Dienst von anderen Unternehmen stellen. Beispiel hierfür ist der ehemalige Shell-Chef Peter Voser, der bei ABB VRP und bei der Roche im Verwaltungsrat (VR) sitzt. Oder Andreas Koopmann von Georg Fischer, der im VR von Credit Suisse und von Nestlé sitzt. In den hundert grössten Schweizer Unternehmen stieg laut der Untersuchung des Headhunters Guido Schilling der Anteil von Verwaltungsräten, die gleichzeitig in mehreren Schweizer Firmen tätig sind, von 13,7 Prozent im Jahr 2010 auf 18,9 Prozent im vergangenen Jahr. Nicht gezählt sind ehrenamtliche Tätigkeiten und Aufgaben in Fachverbänden.

Die neuen Netzwerker

Doch auch die Fälle, in denen Geschäftsleitungsmitglieder in einer anderen Firma ein Mandat annehmen, nehmen kaum ab. Es sind nicht mehr so viele wie vor Einführung der neuen Regeln. Doch es gibt auch heute Verwaltungsräte, die ihre Manager zu einem solchen Schritt ermuntern, schreibt Schilling in seinem Report. Das Unternehmen könne von den externen Erfahrungen profitieren.

Ein Blick in die Geschäftsberichte zeigt, dass der Chef des Basler Pharmaunternehmens Roche, Severin Schwan, im Verwaltungsrat der Grossbank Credit Suisse sitzt, der Chef von Nestlé, Paul Bulcke, wiederum bei der Roche im obersten Kontrollgremium wirkt.

Nicht ohne Risiko

Dass solche Fremdmandate zu einer Belastung werden können, zeigt der aktuell prominenteste Fall: Paul Hälg, CEO des Urner Industriekonzerns Dätwyler, ist seit 2012 Verwaltungsrats-Präsident des Baarer Bauzulieferers Sika. In dieser Funktion kämpft er an vorderster Front gegen die Pläne der Sika-Gründerfamilie, die ihre Anteile an den französischen Industriekonzern Saint-Gobain verkaufen will. Hälg wurde dadurch zeitlich weit mehr beansprucht als in einer normalen Phase des Unternehmens. Ein Unternehmenssprecher von Dätwyler sagt dazu: «Seit der Ankündigung der Teilübernahme der Sika-Gruppe durch die französische Saint-Gobain hat sich der Aufwand für das Sika-Mandat zeitweise erhöht.» Da die zusätzlichen Verwaltungsratssitzungen von Sika aber an Wochenenden stattfänden, sei die Verfügbarkeit von Hälg als Dätwyler-CEO kaum eingeschränkt. Seit dem vergangenen Jahr erhält Hälg für den Nebenjob keine Entschädigung mehr.

Nun wird die oberste Führung bei Dätwyler neu organisiert. Hälg wird zur Wahl als VRP an der Generalversammlung 2017 vorgeschlagen. Offiziell ist das Teil der «frühzeitigen Nachfolgeregelung» der Dätwyler-Gruppe. Diese sei durch den altersbedingten Rücktritt des langjährigen Verwaltungsratspräsidenten Ulrich Graf auf die Generalversammlung 2017 hin ausgelöst worden.

Anders gelagert ist der Fall beim strauchelnden Energieriesen Alpiq. Deren Chefin Jasmin Staiblin ist seit mehreren Jahren in verschiedenen externen Gremien tätig, so etwa im Verwaltungsrat des Industriekonzerns Georg Fischer und bei der englischen Nobel-Automarke Rolls-Royce. Nun steckt jedoch Alpiq in der Krise. Die Frage wird diskutiert, inwiefern Jasmin Staiblin genügend Zeit für ihre eigentliche Aufgabe als Alpiq-Chefin hat.

Wohlgemerkt: Diese Engagements, sowohl bei Alpiq als auch bei Dätwyler, sind von den internen Statuten gedeckt. Eine Untersuchung von HCM zeigt für 2014, dass bei den hundert grössten Schweizer Firmen die meisten Unternehmen ihren Top-Managern ein bis zwei externe Mandate bei börsenkotierten Firmen zulassen sowie weitere fünf Mandate bei nicht börsenkotierten Firmen.

Schweizer VR-Mandate von CEO's

Schweizer VR-Mandate der Verwaltungsrats-Präsidenten

Mehr Transparenz gefordert

Doch genau diese Regelungen sind für Kritiker das Problem. Für den Experten Varges ist klar, dass die maximale in den Statuten genannte Zahl nicht entscheidend ist, ob jemand bei einer anderen Firma tätig sein sollte. Auch nicht allein, ob es sich um eine börsenkotierte Firma handelt oder nicht. Entscheidender seien die Komplexität und der Zeitaufwand. Aber auch, wie stark eine Person in der derzeitigen Aufgabe als Konzernchef tätig ist und wie stark der Manager auch als Verwaltungsrat in der anderen Firma gefordert sei: Deshalb fordert Varges: «Es braucht mehr Transparenz in der Frage, wie intern der Bewilligungsprozess für externe Mandate aussieht, im Speziellen wie die Abklärungen hinsichtlich möglichen Interessenkonflikten und zeitlichen Herausforderungen erfolgen. Es reicht nicht, einfach eine Höchstzahl zu nennen.» Zeitraubend seien nicht nur die normalen VR-Sitzungen, sondern auch die Teilnahme an den Untergremien.

Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin etwa sitzt bei Georg Fischer im Vergütungsausschuss, bei Rolls-Royce, das nach Jahren der Stagnation wieder floriert, gar in zwei Ausschüssen: im Nominations- und Vergütungsausschuss sowie im Wissenschafts- und Technologie-Ausschuss.

Spezialfall CS-Präsident

Bei Urs Rohner, VRP der Grossbank Credit Suisse, sieht die Situation wiederum ganz anders aus. Er ist in dieser Funktion voll bei der CS angestellt, dies im Gegensatz zu den meisten anderen börsenkotierten Unternehmen. Derzeit steckt die CS jedoch in starken Turbulenzen. Rohners Zeitaufwand ist heute wohl weitaus höher als noch vor wenigen Jahren.

Doch Urs Rohner ist daneben auch Verwaltungsrat von Glaxo-Smith-Kline, einem der grössten Pharmaunternehmen der Welt mit Hauptsitz in London. Hier sitzt der Schweizer Anwalt in drei Ausschüssen, wovon er einen – den Vergütungsausschuss – präsidiert. Der Pharmakonzern hat derzeit mächtig Gegenwind vonseiten der Aktionäre: Konzernchef Andrew Witty wird Anfang nächsten Jahres zurücktreten.

Urs Rohners war im letzten Jahr bei allen sechs VR-Sitzungen von Glaxo- Smith-Kline persönlich anwesend. Auch die Sitzungen des Vergütungsausschusses, der etwa eine Erhöhung des Lohns des umstrittenen Konzernchefs von 5,3 auf 9,1 Millionen Franken vorgeschlagen hat, hat er laut Geschäftsbericht nicht geschwänzt. Der Lohn für Rohners Fremdengagement in Grossbrittaninen betrug im Jahr 2015 182 000 Franken.