Wirtschaft

«Wir sind jetzt viel ruhiger als im März»: ABB-Chef Björn Rosengren lockert das finanzielle Corona-Sicherheitsdispositiv

Inzwischen wisse man viel mehr darüber, wie man die Krise als Unternehmen bewältigen könne, sagte ABB-Chef Björn Rosengren an der Telefonkonferenz über das dritte Quartal.

Inzwischen wisse man viel mehr darüber, wie man die Krise als Unternehmen bewältigen könne, sagte ABB-Chef Björn Rosengren an der Telefonkonferenz über das dritte Quartal.

Trotz stark getrübten Aussichten zahlt der Konzern zwei Milliarden Dollar Schulden zurück. Der Auftragseingang ist im dritten Quartal immerhin wie erwartet leicht gestiegen.

ABB hat die Coronakrise bislang einigermassen gut gemeistert. Das lässt sich auch aus den am Freitag vorgelegten Geschäftszahlen zum dritten Quartal herauslesen. Als Folge des im Juli verbuchten Verkaufs der Stromnetzsparte an Hitachi resultierte im Neunmonatsvergleich ein Gewinn von 5,3 Milliarden Dollar. Doch nach der sommerlichen Entspannungsphase beginnen die Probleme wieder schwerer zu wiegen. Der Ausblick für die verbleibende Zeit im laufenden Jahr habe sich infolge der Covid-19-Pandemie «rasant verschlechtert», heisst es im Zwischenbericht des Elektrotechnikkonzerns.

Obwohl «in grossen Teilen der globalen Wirtschaft» wieder eine «beträchtliche Unsicherheit» eingekehrt ist und neue Beschränkungen den Aufschwung «voraussichtlich mit langfristigen Folgen für die Wirtschaft» bremsen könnten, lockert ABB das finanzielle Sicherheitsdispositiv, das im Frühjahr im Zug der ersten Corona-Welle aufgezogen worden war.

ABB hat zwei-Milliarden-Dollar-Kredit bereits zurückgezahlt

Der Konzern hat gemäss eigenen Angaben in den vergangenen sechs Monaten vier Milliarden Dollar abgebaut. Ein zwei-Milliarden-Dollar-Kredit, der im Frühling kurzfristig zur Stärkung der Liquidität aufgenommen wurde, ist inzwischen vollständig zurückgezahlt.

Gleichzeitig macht ABB keinerlei Anstalten, den Aktienrückkauf zu bremsen, den der Konzern im Dezember 2018 bei der Ankündigung des Deals mit Hitachi versprochen hatte. ABB löst 7,6 Milliarden bis 7,8 Milliarden Dollar aus dieser geschichtsträchtigen Desinvestition. Das Geld soll vollumfänglich an die Aktionäre zurückgeführt werden. Die entsprechenden Aktienrückkäufe sind seit dem 23. Juli im Gang und werden im Umfang der gesetzlich zulässigen Möglichkeiten umgesetzt.

Moody's hat Bonitätsnote von ABB-Anleihen gesenkt

In teilweiser Vorwegnahme dieser Bilanzpolitik hatten Analysten der Kreditbewertungsagentur Moody’s im April die Bonitätsnote für ABB-Anleihen auf A3 gesenkt. Damit gelten die Papiere immer noch als sichere Anlagen, solange keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten. Solche Ereignisse sind inzwischen aber an der Tagesordnung. Trotzdem sagte der seit Februar als CEO agierende Björn Rosengren an der Telefonkonferenz: «Wir sind jetzt viel ruhiger als im März», als man sehr wenig darüber gewusst habe, wie das Unternehmen die Krise bewältigen würde.

Tatsächlich fällt der Leistungsausweis aus neun mehrheitlich schwierigen Monaten im laufenden Jahr den Umständen entsprechend passabel aus. Die zur Jahresmitte gemachte Prognose, dass der Auftragseingang im dritten Quartal leicht anziehen werde, ist eingetroffen. Allerdings bleiben die Bestellungen aus den ersten neun Monaten mit 19,5 Milliarden Dollar dennoch sieben Prozent unter Vorjahr. Der operative Gewinn (Ebita) ist im Berichtsquartal zwar nur noch um fünf Prozent auf 787 Millionen Dollar geschrumpft. Trotzdem ist die Marge von 11,5 Prozent im Vorjahr auf 10,9 Prozent weiter abgeschmolzen.

Rosengren ist dennoch überzeugt, dass die angestrebte Margen-Bandbreite von 13 Prozent bis 16 Prozent unter normalisierten Bedingungen erreicht werden kann. Dazu müssten allerdings verschiedene der 18 Divisionen, die teilweise mit unterdurchschnittlichen Profitmargen operieren, weiter an der Effizienz schleifen. Wie viele Jobs dieser Prozess bereits gekostet hat, wollte ABB nicht verraten.

Rosengren schliesst weitere Veräusserungen nicht aus

Punkte sammelt Rosengren in der Investorengemeinde derweil mit seinen Beteuerungen, dass die Anatomie des ABB-Konzerns auch nach dem Verkauf der Stromnetzsparte in der aktuellen Form nicht in Stein gemeisselt sei und Divisionen mit unterdurchschnittlichen Leistungen veräussert werden könnten. Solche Andeutungen nähren naturgemäss Erwartungen und Spekulationen an der Börse.

Diesen nahm der neue Siemens-Chef Roland Busch am vergangenen Sonntag im Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» den Wind aus den Segeln, indem er sagte: «Würde ich ausschliesslich auf den Kapitalmarkt hören, könnte ich die Firma in 20 Teile zerlegen. Dann hätten die Investoren ihren Einsatz maximiert – nur wäre nichts mehr übrig von Siemens.» Rosengren wollte die markante Aussage seines Antipoden mit Blick auf ABB nicht kommentieren, was vielleicht auch als Statement gewertet werden kann.

Autor

Daniel Zulauf

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