Die G20-Länder haben in der Zeit zwischen Oktober und Mai jeden Monat durchschnittlich drei neue Handelsschranken errichtet. Das klingt zunächst nach wenig. Der Durchschnitt der letzten acht Jahre liegt immerhin etwa doppelt so hoch. Trotzdem stellt die Welthandelsorganisation WTO in ihrem halbjährlichen Bericht eine «dramatische Spitze» bei Restriktionen gegen Importe fest.

Derzeit seien weltweit Güter im Wert von 336 Milliarden Dollar von höheren Zöllen oder anderen verschärften Einfuhrbestimmungen betroffen. Das ist der zweithöchste Wert, den die Organisation je gemessen hat. Der höchste Wert wurde in der vorherigen Beobachtungsperiode von Mai bis Oktober 2018 registriert.

Der Rückgang in der Anzahl getroffener Schutzmassnahmen ist kein Signal für eine Entspannung. Die Massnahmen seien zwar weniger, in ihrer Wirkung aber viel stärker geworden, stellt die Handelsorganisation fest. Die «beträchtliche» Zunahme der Import-Restriktionen gehe direkt auf einige wenige Interventionen von zwei G20-Ländern zurück.

Gemeint sind natürlich die USA und China, die seit letztem Jahr streiten. Zurzeit belegen die USA chinesische Güter im Wert von rund 250 Milliarden Dollar mit Einfuhrzöllen in der Höhe von bis zu 25 Prozent. Die Chinesen ihrerseits bestrafen amerikanische Waren im Wert von über 100 Milliarden Dollar mit Zöllen.

Treffen am Sonntag in Japan

Die Veröffentlichung des Berichts erfolgt nicht zufällig vor dem G20-Gipfel im japanischen Osaka kommendes Wochenende. Offiziell will die Handelsorganisation mit Sitz in Genf ihren Report zwar nur als Beitrag zur Transparenz über die Situation im Welthandel verstanden wissen. Allerdings ist es offensichtlich, dass er den höchsten politischen Vertretern der beiden mächtigen Kontrahenten ins Gewissen reden möchte.

Xi Jinping und Donald Trump werden sich voraussichtlich am Sonntag über das weitere Vorgehen im Handelsstreit austauschen. Trump will China zu weiteren Konzessionen zwingen, um das gigantische bilaterale Handelsdefizit der Amerikaner zu verringern. Gemunkelt wird, dass China als Vorbedingung für weitere Gespräche die Streichung des Telekomkonzerns Huawei von der US-Sanktionsliste verlangt haben soll.

Konkrete Ergebnisse werden vom Gipfeltreffen nicht erwartet. Das Beste, was man realistischerweise erwarten könne, sei eine Erweiterung des Spielraums im Blick auf die Verhandlungen in den nächsten Monaten, sagt UBS-Chefökonom Daniel Kalt.

Die USA haben bereits angedroht, alle bisher weitgehend befreiten chinesischen Güter wie Mobiltelefone, Computer und Kleider im Wert von rund 300 Milliarden Dollar ebenfalls mit Strafzöllen zu belegen. Eine solche Ausweitung der Massnahmen würde für die Konsumenten in den USA kaum ohne Folgen bleiben, glaubt Kalt.