Die Fenster sind nach wenigen Minuten beschlagen. Die Luft stockt. Der Schweiss läuft. Dicht an dicht liegen die roten Yogamatten, beugen sich die etwa dreissig Yogis darauf zur Ansage der Lehrerin vom herabschauenden Hund in die Kobra. Es herrscht Stille, bis auf die Atmung im Chor, die wie ein Meeresrauschen den Raum flutet.

Die Mittagsstunde in Zürichs grösstem Yogastudio Airyoga ist voll. So wie hier sieht es in unzähligen Studios rund um den Globus aus. Und das nicht nur im Januar, wenn die Sporttempel kurzfristig von vorsatztüchtigen Menschen überrannt werden. Yoga, die einst spirituelle Praxis aus Indien, ist zur sportiven Massenbewegung geworden.

Die Studios schiessen in Yoga-Mekkas wie Zürich, Berlin oder New York pilzartig aus dem Boden. Und: Eine ganze Industrie reibt sich dabei die Hände. Für Textilhersteller bis zu Reiseveranstaltern ist Yoga zur wahren kommerziellen Goldgrube geworden.

Lukratives Wellness-Feeling

Bei Airyoga im Zürcher Niederdorf passieren Yogis von der Umkleide bis auf ihre Matte eine sorgfältig sortierte Schmuckauslage, Yogatücher, Matten, Kleider, Sitzkissen, Chakra-Sprays. Zubehör, so weit das Auge reicht. «Das Yoga-Studio wird zum Verkaufsort», sagt Roland Haag, Präsident des Schweizer Yogaverbands. Die Kommerzialisierung nehme zu, allen voran in den USA, aber auch hierzulande.

Die spirituelle Tradition des Yogas bleibe da oft auf der Strecke. Fest steht: Die indische Lehre hat einen sportiven, wellnessartigen Charakter bekommen. Die Studios verdienen nicht nur beim Zubehör, sondern auch bei der Ernährung. Orte wie die Jivamukti-Zentren in New York und Berlin bieten gleich noch das vegane Café mit Detox-Smoothies oder Datteltaler dazu. Andere arbeiten mit Ernährungsberatern.

Die Trendbewegung fängt bei der Bekleidung an. Unzählige Labels buhlen um die Gunst der meist weiblichen Trägerinnen. Bekannte Sportlabels haben längst ihre Yogalinien, teilweise aus rezyklierten Materialien wie Plastikflaschen. Marktführer im Yoga-Textil-Geschäft ist das kanadische Label Lululemon. Eine Hose für die Yogapraxis kann dort bis zu 160 Franken kosten. Immerhin sitzt sie perfekt. Das garantieren emsige Verkäuferinnen, von der «New York Times» auch «Leggings Sommeliers» genannt. Sie empfehlen für Hot Yoga einen anderen Stoff als für Entspannungsübungen.

Lululemon ist mit gut zehn Milliarden Dollar an der Börse kapitalisiert. Nachdem das Geschäft 2016 etwas schwächelte, geht die Wachstumsphase nun wieder weiter. Dafür sorgt der Ausbau im Digitalgeschäft, beim Männersortiment, bei der Teenie- Linie und der Expansion. Das Label ist zum Statement über Yoga hinaus geworden: «Athleisure» heisst der Trend. Athletischer Freizeitlook.

Besonders in den USA tragen immer mehr Menschen das sportive Tenü tagsüber. Wie Beraterfirmen schätzen, soll sich dieser Markt global bis 2020 auf über 350 Milliarden Dollar belaufen. Auch in der Schweiz verdient Lululemon mit: Im Zürcher Niederdorf, wo sich stadtweit die höchste Dichte an Yogastudios befindet, betreiben die Kanadier seit 2016 einen Shop.

Aber auch im günstigeren Segment hiesiger Retailer wie Migros SportXX oder beim Onlinehändler Galaxus läuft das Geschäft mit Yoga-Artikeln gut. Besonders die Matten sind überall der Renner. Galaxus hat kürzlich ein breites Kleider-Sortiment für Yoga ins Angebot aufgenommen.

Neues Feld: Yoga als Therapie

Die sportive Massenbewegung für Körper und Geist hat auch den Ferienmarkt im Griff. Yoga-Retreats nennen sich Ferien, in denen auf einer Finca auf Mallorca oder in der Ayurveda-Kur in Indien geurlaubt und yogisiert wird. Viele Studios bieten im Sinne einer verlängerten Wertschöpfungskette solche Yoga-Ferien an.

Auch normale Reiseveranstalter wie TUI, Helvetic Tours oder Kuoni setzen auf Yogis. Die Angebote seien beliebt, der Retreat-Bereich ein «weiterhin stark wachsender Markt», heisst es bei Kuoni und Helvetic Tours , die seit Sommer unter dem Firmendach von «DER Touristik» firmieren.

Neben Indien-Reisen, die seit längerem nachgefragt seien, lanciert Helvetic Tours neu mit Migros-Fitnesspark Retreats mit Yoga und Wellness im Engadin. Bei TUI gibt es seit letztem Jahr die Yoga-Woche «Stressfrei glücklich sein», die von Ex-Fussballprofi und Coach Alain Sutter begleitet wird.

Yoga wirkt positiv gegen Stress. Da sind sich Experten einig. An der Harvard Medical School in Boston untersucht der kanadische Yogi und Neurologe Sat Bir Singh Khalsa die Effekte von Yoga als Therapie. Gerade bei Depression und Angstzuständen sei die positive Wirkung in zahlreichen Studien belegt. Yoga werde je länger, je mehr als ganzheitliche Therapie bei Traumata, als Post-operative-Massnahme, bei Depression oder Burnout eingesetzt, sagt Ottilia Scherer, Präsidentin des Verbandes Yoga Schweiz. «Wir bilden Yogalehrer immer häufiger zu ganzheitlichen Therapeuten aus.»

Den Yoga-Nutzen sehen auch Krankenkassen. Nach der CSS hat Helsana seit 2018 Yoga in ihren Leistungskatalog der Zusatzversicherung aufgenommen. «Damit zahlen nun die zwei grössten Schweizer Krankenkassen Yoga in der Zusatzversicherung. Wir gehen davon aus, dass weitere Kassen auf den Zug aufspringen werden», sagt Roland Haag vom Schweizer Yogaverband.

Für die Yogis im Zürcher Airyoga bedeutet das zumindest einen finanziellen Zustupf wie beim Fitnessabo. Obschon das Yoga-Jahresabo mit über 2000 Franken am oberen Ende der Fitnesspreise liegt.