Gerichtsverhandlung

Menschenhandel-Prozess: Haupttäterin muss für 5,5 Jahre hinter Gitter

Urteil im Menschenhandel-Prozess. (Symbolbild)

Urteil im Menschenhandel-Prozess. (Symbolbild)

Für fünfeinhalb Jahre wegen gewerbsmässigen Menschenhandels sowie Förderung der Prostitution muss die heute 66-jährige Frau (bz berichtete) ins Gefängnis, davon weiss sie allerdings noch nichts: Zur Urteilseröffnung von gestern Morgen erschien sie nicht.

Eine Flucht nach Thailand ist denkbar, aber eher unwahrscheinlich: Sämtliche Pässe und Identitätskarten wurden der thailändisch- schweizerischen Doppelbürgerin bereits nach Entlassung aus der Untersuchungshaft im Jahr 2016 abgenommen.

Bislang musste sie sich alle zwei Wochen bei der Basler Staatsanwaltschaft persönlich melden. Diese Pflicht erledigte sie jeweils per Taxi vom Kleinbasel zur Heuwaage und zurück, weil sie laut ihrem Verteidiger mental nicht in der Lage ist, ohne Begleitperson Tram zu fahren. Sie selber betonte vor Gericht, sie könne auch die lateinische Schrift und damit die Strassenschilder in Basel nicht lesen.

Nach Scheidung in die Prostitution eingestiegen

Die 66-Jährige ist in Bangkok geboren, als Strassenverkäuferin aufgewachsen, hat mit 29 Jahren in Thailand einen Schweizer geheiratet und ist zu ihm nach St. Gallen gezogen. Nach zwölf Jahren liess sie sich scheiden und stieg in Zürich in die Prostitution ein.
In Basel stand sie vor Gericht, weil sie jahrelang das Bordell «Thai-Harem» in der Ochsengasse geleitet hatte. Damit war sie für die Arbeitsbedingungen verantwortlich: Präsenzzeiten von 8 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts, auf Kundenwunsch hin ungeschützten Sex, keine Ferien und auch keine Freizeit am Wochenende. Der Druck funktionierte hauptsächlich über die Finanzen. Die aus Thailand per Touristenvisum eingeflogenen Frauen mussten zwingend ihre Schulden abarbeiten.

Quasi als Stellvertreterin der Chefin war auch eine 64-jährige Frau angeklagt, sie hat ebenfalls eine wichtige Rolle ausgeübt, indem sie etwa die Reisen innerhalb der Schweiz organisiert habe. Das Gericht beliess es bei einer teilbedingten Strafe von drei Jahren, davon müsste sie zwölf Monate unbedingt absitzen. Durch die Untersuchungshaft von sieben Monaten bleiben davon allerdings nur noch fünf Monate übrig, und es ist auch nicht klar, ob ihr schlechter Gesundheitszustand einen Gefängnisaufenthalt erlaubt. Nach der Urteilsverkündung gestern wischte sie sich die Tränen aus den Augen.

Das ganze Verfahren zeigt exemplarisch die Probleme bei der Aufklärung des Menschenhandels: Erste Aussagen gegen die beiden Frauen in Basel kamen bei Razzien in anderen Kantonen zum Vorschein, grundsätzlich waren die Opfer zur Auskunft bereit, die Polizei nahm Aussagen vieler Frauen entgegen. Doch im Strafverfahren haben Beschuldigte mindestens einmal das Recht zur sogenannten Konfrontation, um die Zeugen bei belastenden Aussagen kritisch zu befragen. Gerade in Fällen von Menschenhandel muss dies rasch geschehen, da die Opfer oft in andere Länder reisen oder auch wieder nach Hause zurückkehren. Auch in diesem Verfahren standen viele der Frauen nicht mehr zur Verfügung, eine Konfrontationseinvernahme konnte nicht mehr stattfinden, und damit waren auch frühere Aussagen aus den Polizeiprotokollen vor Gericht nicht mehr verwertbar. Immerhin acht Frauen bestätigten ihre Aussagen im Januar erneut vor dem Basler Strafgericht.

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft über 40 Frauen als Opfer der beiden Angeklagten bezeichnet. Die fünf Richter gingen bei der 66-jährigen Haupttäterin immerhin noch von 17 nachgewiesenen Opfern aus, bei der 64-Jährigen von neun Opfern. Die restlichen Aussagen waren nicht verwertbar.

Opfer erhalten gut 25000 Franken Genugtuung

Einer Frau müssen die zwei Verurteilten eine Genugtuung von 12000 Franken bezahlen, denselben Betrag schuldet die Haupttäterin einer weiteren Frau. Eine dritte Frau erhält eine Genugtuung von 2000 Franken. Von mindestens zwei der Opfer ist bekannt, dass sie inzwischen den Ausstieg aus der Prostitution geschafft haben.

Zumindest nicht alle Kosten bleiben am Staat hängen: Bei der 66-Jährigen wurden teure Vuitton- und Prada-Handtaschen, Diamantohrringe und auch Bargeld von über 10000 Franken sichergestellt. Die Verwertung soll zu Gunsten der Opferentschädigungen geschehen, so das Gericht. Die Schuldsprüche können noch weitergezogen werden.

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